Es gibt eine statistische Korrelation in meinem Leben, gegen die ich machtlos bin. Ich kann keinen Internationalen Flug absolvieren, ohne verkatert zu sein. Ich bin einfach machtlos dagegen. Natuerlich waere die einfache Antwort, nichts zu trinken, aber jeder Mensch der sein Leben nicht in einem Schuhkarton im Regal seiner Grossmutter lebt, weiss das nur sehr wenige Dinge so einfach sind wie sie aussehen. Dies ist keines dieser Dinge.
Aber ich will von vorne anfangen. Bei meiner letzten Einreise ins Koenigreich Kambodscha haben eine Reihe von Faktoren – wie meine generelle Ueberforderung durch die mieseste aller Grenzen und meine Koerpergefuehl nach sechs Stunden Busfahrt, wie auch die brennende Hitze – dazu gefuehrt das ich einfach nur genickt habe bei allen Fragen und zum Schluss von den Waechtern der Grenze mit einem Touristenvisum ausgestattet wurde. Dieses erlaubt den Aufenthalt fuer einen Monat und laesst sich um einen weiteren verlaengern, dannach ist Schluss.
Das vertraegt sich natuerlich schlecht mit dem Plan in Kambodscha zu bleiben und so musste ich einen Visa-Run machen. Da sowieso noch ein paar Besorgungen anstanden und Bangkok das Einkaufsparadies von SO-Asien ist, nehme ich also den Bus nach Bangkok und Quartiere mich in der Naehe der Sukhumvit-Road und damit der Einkaufsmeile ein.
Kommt man aus Europa nach Bangkok, erlebt man eine dreckige, aber lebendige Stadt. Man sieht Elefanten auf den Strassen, Nutten an fast jeder Ecke, betrinkt sich furchbar und glaubt die Dritte Welt zu erleben.
Kommt man von Phnom Penh nach Bangkok sieht man das etwas anders. Bangkok ist aus dieser Perspektive eine futuristische Science-Fiction Stadt und fast schon unglaublich zivilisiert. Thailand mag offiziell ein Land der Dritten Welt sein, Bangkok ist aber eine der modernsten Staedte ueberhaupt, etwas das ich erst nach Kambodscha wirklich begriffen habe.
Aber ich komme vom Thema ab, nach vier Tagen in Bangkok will ich wieder nach Phnom Penh. Die Busse brauchen normal zwei Tage, ein schnellerer ist fuer 20 Euro zu haben, aber ich fuehle mich nicht wirklich nach dem ganzen Mist und ich weiss genau das sie wieder ueber Siam Reap fahren, was bedeutet ich muss mir wieder stundenlang von Schlagloechern in alten russischen Bussen das letzte bisschen Grips aus der Ruebe pruegeln lassen.
Die Entscheidung faellt leicht, nach vier Tagen in Air-Condition, Thai-Massagen und drei warmen Mahlzeiten am Tag liegt mir die Dekadenz nicht fern und ich kaufe mir ein Ticket fuer einen Flug am naechsten Tag. 3400 Baht fuer eine Stunde fliegen gegen 1200 Baht fuer zwei Tage Schmerzen. Einfache Rechnung…
Es kommt der Abend der Entscheidung. Waehrend meiner Zeit in Bangkok habe ich bis Dato keinen Tropfen Alkohol angeruehrt. Nicht mal ein Bier zum Abendessen, nichts. Ich bin stark, unverwundbar und ich will morgen keinen Kater haben. Bitte!
Doch die Verlockung lauert ueberall. Meine Seitenstrasse ist gesaeumt von Bier-Bars voller Thai-Girls die nichts lieber sehen als Chang-Bier das meine Kehle herab rinnt. Doch ich bleibe stark, entschliesse mich zum Abendessen in einem kleinen Restaurant, ich trinke Cola zu meinem Pad Thai mit Seafood.
Dannach stoppe ich auf dem Heimweg in einer Bar um mir ein paar Zigaretten zu kaufen. Der andere Kunde fragt mich ob er eine meiner Zigaretten haben kann, ich sage “na klar!” und wir kommen ins Gespraech.
Er ist ein Seemann und hat grade seine grosse Liebe verloren. Waehrend er auf See war hat sein Girlfriend sich einen Neuen gesucht und heiratet heute. Die Thais sind ein Volk das wirklich viel auf Woerter wie “Big Love” gibt, er erklaert mir mit Traenen in den Augen “My heart is broken”.
Es gibt in der ganzen Welt nichts traurigeres als einen traurigen Matrosen und so kann ich einfach nicht anders als ihm ein Bier zu kaufen und mir auch eines zu goennen. Alles andere waere voellig unmoeglich, wenn nicht gar undenkbar. Fuenf Bier spaeter und wir gehen in einen anderen Kneipe und nach noch ein paar Bieren entschliesst er sich nach einem neuen Girlfriend zu suchen, wenn auch nur fuer eine Nacht. Ich passe, wuensche ihm viel Vergnuegen und wanke in Richtung des naechsten Motorbike-Taxis.
Ab diesem Zeitpunkt hatte sich mein Englisch auf eine Reihe von guturalen, unzusammenhaengenden Grunzlauten reduziert, die in den haeufigen Momenten trunkener Gedankenlosigkeit durch laute deutsche Flueche und hessische Mundart zusammengehalten werden. Ich kann es nur telepathischen Faehigkeiten und hoeherer Intervention zuschreiben das mein Chauffeur es schafft mich unverletzt (auf einem Motorrad wild zu gestikulieren, waehrend der Gleichgewichtssinn wimmernd im Mittelohr rotiert, kann ungesund sein) und im richtigen Hotel abzuliefern.
Neun Uhr morgens, der Wecker klingelt und schickt bohrende Schmerzen durch mein gemartertes Hirn. Das Natuergesetz hat wieder zugeschlagen und ich frage mich wie ich in diesem Zustand meinen Rucksack packen und die Flughafen-Formalitaeten hinter mich bringen soll.
Nichts desto trotz laeuft alles ohne Probleme ab, ich komme rechtzeitig zum Flughafen, zahle die richtigen Summen an die richtigen Laeute (Taxe an den Taxi-Fahrer, Departure Tax am Departure-Tax-Schalter, …), das Essen im Flugzeut ist sogar gut und nach einem Kaffee fuehle ich mich halbwegs menschlich, auch wenn ich innerlich den Himmel dafuer verfluche es mir schon wieder angetan zu haben. Ich hasse es im Flugzeug verkatert zu sein, es ist unbequem, man kann nicht schlafen und nicht mal zehn mal in der Stunde aufs Klo rennen ohne bei den Mitreisenden den Eindruck eines Gefaehrlichen Irren zu machen, der am besten die Funktion der Notrutsche in 8000 Meter Hoehe ausprobieren sollte.
Irgendwann stehe ich vor dem Kambodschanischen Visums Schalter. Natuerlich habe ich es schon geschafft der Letzte zu sein und auch den Unmut der Beamten zu erregen weil ich keinen Stift habe und mir von ihnen einen leihen muss. Der naechste Flug kommt erst in mehr als einer Stunde und ich kann sehen das sie lieber ihre Ruhe haetten als einem schwitzenden Barang zuzuschauen der versucht mit zitternden Haenden in fuenf verschiedene Formulare immer die gleichen Daten einzutragen.
Shit, warum unterscheiden sich die Passport-Nummern in zwei Formularen? Wie kann man es schaffen seinen eigenen Namen innerhalb von fuenf Minuten auf zwei Unterschiedliche Arten falsch zu schreiben, ?
In der Hitze des Moments trage ich bei “Purpose of Visit” natuerlich Hollidays ein, wie ich es bis jetzt in allen Formularen gemacht habe. Dannach faellt mir auf das ich ein Business-Visa will und die fuer Urlauber nicht zu haben sind. Nach kurzer Ueberlegung aendere ich es in Hollidays/Studies um. Dem Beamten gefaellt das nicht.
“This is two things? What Studies? Hollidays no Business-Visa!”
Durch meine vernebelten Sinne kommen nur Fragmente seiner Saetze, will er meinen Ruf als Wissenschaftler in Frage stellen? Wenn ich hier Studien betreiben will, will ich hier Studien betreiben! Ich beginne eine umstaendliche Erklaerung ueber meine geplanten Studien, die natuerlich kompliziert wird durch den Fakt das ich keine Studien geplant habe.
Er unterbricht mich: “Hollidays? I can not give you Business-Visa! Studies I give you Business-Visa!”. Ich borge mir wieder seinen Stift und streiche Hollidays, zehn Minuten spaeter und um die offiziellen 25$ aermer bin ich wieder willkommener Gast des Koenigreichs Kambodscha, ausgestattet mit einem Business-Visa um meine Studien durchzufuehren.
Auf dem Heimweg bekomme ich dann auch gleich noch eine Demonstration in Sachen Korruption. In einem schattigen Fleckchen neben der Ampel haben sich ein Soldat und ein Polizist positioniert und beaeugen den vorbeifliessenden Verkehr.
Ich habe mir in Bangkok eine robuste Camoflage-Hose zum Motorrad-Fahren gekauft, da sie lang ist und mein Rucksack klein, trage ich sie trotz der Hitze. Gesetzeshueter und Landesverteidiger bitten mich zu einem Gespraech auf dem Buergersteig und mir wird erklaert das es nicht erlaubt sei diese Hose zu tragen, da man mich mit einem Soldaten verwechseln koennte. Ich erklaere das schwitzende, rotgesichtige Barang in roten T-Shirts wohl kaum in Verwechslungsgefahr mit den Streitkraeften seiner Majestaet kommen, mit oder ohne Hosen und ungeachtet ihrer Farben. Sie erklaeren mir noch einmal das es mir nicht erlaubt ist die Hose zu tragen.
Ich erklaere meine Herkunft vom Planeten Mars und unsere friedliche Gesinnung, nichts liege mir ferner als einen Soldaten zu geben. Sie erklaeren mir….
Nach ca. 20 Minuten auf dem Buergersteig verlieren wir alle die Lust an Hoeflichkeiten und die Verhandlungen beginnen. Natuerlich wollen sie Geld weil ich die falschen Hosen trage und natuerlich will ich so wenig wie moeglich rausruecken. Sie bieten an mich zur Wache zu eskortieren, damit ich dort die Sache mit einem Offizier klaere. Das ist fuer alle Beteiligten Mist, weil ich letztlich den Offizier bezahlen werde und sie nichts bekommen. Ich biete an in der Deutschen Botschaft anzurufen und jemanden herzubitten der uns behilflich ist. Das ist natuerlich auch Mist fuer alle Beteiligten. Die Lage klaert sich nachdem ich meine altes Visum gezeigt habe und damit deutlich wird das ich in Fakt nicht zum ersten Mal hier bin und daher kein ganz so leichtes Opfer. Schliesslich sind wir ja alle Freunde und versuchen ein Problem aus der Welt zu schaffen.
Letztlich biete ich fuenf Dollar an um die Sache zu bereinigen. Sie wollen mehr, ich frage nach einer Quittung. Oh Wunder, die Quittungen sind grade ausgegangen. Muessen wohl schon ein paar Militaristen durch gekommen sein… Ich druecke dem Polizisten fuenf Doller in die Hand, mache den traditionellen Abschied indem ich meine Haende nor dem Kopf in einer betenden Geste zusammenpresse und huepfe auf mein Motorbike-Taxi. Der Soldat will auch Geld aber ich zeige einfach auf dem Polizisten und sage das ich nur einmal zahle, sie sollen sich einigen.
Mein Motordop will erst nicht losfahren, immerhin sind hier noch ungeregelte Affaere mit dem Gesetz, aber ich bleibe einfach sitzen und insistiere, sicher in dem Wissen das sie bezahlt wurden und sie schwere Probleme bekommen, sobald sie auch nur die Hand an mich legen. Dem Soldaten gefaellt das gar nicht. Der Motodop gibt schliesslich nach, wir fahren los.
Willkommen zurueck!
Meine Nachforschungen haben ergeben das es wohl nicht nur in Kambodscha sondern auch in vielen anderen Asiatischen Laendern verboten ist in Tarnkleidung umherzulaufen. Fremde Laender, Fremde Sitten…
Tags: Der tägliche Wahnsinn,Kambodscha,Thailand,Unterwegs
Kategorien: Asien '06, Buebo's World
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