Ich sitze in Phnom Penh und frage mich was ich tun soll. Meine Bewerbungen haben ihren Weg in die Mailboxen diverser NGOs gefunden mit Antworten ist innerhalb der naechsten Tage wohl nicht zu rechnen. Das laesst mir viel Zeit und die Verpflichtung irgend etwas zu unternehmen, ich bin ja schliesslich nicht knappe zehntausen Kilometer um die Welt gerreist um mir den Hintern platt zu sitzen, Banana Shakes zu trinken und auf den Tonle Sap Fluss zu starren.
Eine Entschluss ist schnell gefasst, ca. 150km suedlich von Phnom Penh befindet sich Kampot und ca. 7km von Kampot entfernt befindet sich der Bokor National Park, einer der wenigen wirklich geschuetzten National Parks von Kambodscha und zudem einer der wenigen Berge in der Gegend. Reizvollerweise haben die Franzosen waehrend ihrer Zeit in Indochina oben auf diesen Berg eine kleine Siedlung gebaut, inklusive Kasino, katholischer Kirche (die ironischerweise einer der letzten Widerstandsnester der komunistischen Roten Khmer war) und einem Grand Hotel.
Der Entschluss ist der folgende: Ich werde mir frueh morgens ein Motorrad mieten, mein Rucksack auf den Gepaecktraeger schnallen, mein Helm auf meinen Kopf schnallen und gemuetlich die 150km nach Kampot fahren, mein Zeug in einem Guesthouse meines Vetrauens lagern und den Berg nach Kampot mit meinem Gelaendemotorrad besteigen. Ich hatte noch keine Ahnung was mich erwarten sollte…
Zunaechst stand das Organisieren eines Motorrads auf dem Plan. In Phnom Penh gibt es einen Haufen Motorradvermietungen, aber natuerlich ist nichts so einfach wie es zunaechst aussieht, denn die meisten dieser Motorraeder haben soviel mitgemacht, waehren sie Menschen muessten sie entweder vors Kriegsverbrechertribunal oder ins Altersheim und ich wollte nur ungerne mit einer zusammengebrochenen Enduro in der Kambodschanischen Peripherie stranden. Ich konnte mich schon mit den Pick-Up Fahrern um einen Transport nach Phnom Penh handeln sehen, nur um dann von einem gierigen Vermieter bis aufs letzte Piercing ausgezogen zu werden. Wo also bekommt man ein gutes Motorrad in einem Land, in das Maschinen zum sterben gehen? Mein erster Abstecher fuehrte mich zum Phnom Penh Bike Shop und ich war angenehm ueberrascht. Viele neue und gut aussehende Bikes. 22$ fuer den Tag und ich huepfe auf mein Motorbike-Taxi und bin auf dem Weg zum naechsten Laden. Angkor Motorcycles wollen fuer ihre Honda Baja 10$ am Tag. Ich mache eine Probefahrt, befinde den Motorensound fuer harmonisch und reserviere die Maschine fuer den naechsten Tag.
Morgens neun Uhr in Phnom Penh. Ich fahre grade am Flughafen vorbei und bin der Verzweiflung nahe. Langsam beginnen sich in meinem Kopf verschiedene Puzzle-Teile zusammen zu fuegen. Das Bar-Girl das mir bei einer Runde Pool ein Happy New Year gewuenscht hat. Der Betreiber meines Guesthouse der irgendwas ueber Crayz Traffic murmelte. Ich halte am Strassenrand und frage an einem Getraenkeladen – das heisst eine Frau im Besitz einer Kuehltruhe – “Today Khmer New Year?”. Sie nickt und mir wird einiges Klar. Fuer ihre Muehen kaufe ich eine Cola und ueberdenke meine Situation. Die Khmers feiern Sylvester und das heisst das sich jeder Khmer aus der grossen Stadt auf den Weg zu seiner Familie auf das Land macht. Das bevorzugte Transportmittel fuer diesen Weg sind grotesk ueberladene Mini-Busse. Fuenfzehn Leute innen und nochmal soviele auf dem Gepaeck, das wiederrum auf dem Dach liegt und alle fahren Pedal To The Metal. Was ein Spass! Natuerlich lasse ich mich davon nicht hindern, besteige meinen Feuerstuhl und mache mich auf den Weg.
Ich habe mit Leuten beim Tauchen gesprochen, die mir erklaert haben das sie, sobald ihr Kopf unter Wasser ist, zunaechst einen kleinen Panikanfall niederkaempfen muessen. Der Koerper sagt ihnen in einer Instinktreaktion “Du bist unter Wasser! Du kannst hier nicht atmen! Mach das du raus kommst!”. Sie muessen ihm dann erstmal vorfuehren das sie doch atmen koennen, irgendwann laesst die Panik nach und sie koennen sich entspannt absinken lassen. Mir geht es genauso und die ersten 30 Minuten meiner Fahrt haben sich als Kollage aus beinahe toedlichen Katastrophen in meinem Schaedel fest gesetzt. Zwei Minibusse in entgegengesetzter Richtung, ein dritter versucht zu ueberholen, ich sehe Aussenspiegel fliegen. Ein Laster draengt mich von der Strasse und zwingt mich zu einer Vollbremsung im Staub neben der Strasse, ich komme 30cm vor einem Getraenkestand zum stehen. Ein Schwein bekommt die Angst und rennt mir vor das Motorrad.
Nachdem ich mich langsam an das herrschende Chaos gewoehnt habe, sich mein Puls beruhigt und mein Adrenalinspiegel auf das Mass eines US-Marines im Vietnamesischen Dschungel abgesunken ist, beginnt die Fahrt langsam so auszuehen als ob ich auch irgendwann ankommen koennte, ohne ein Zettel am grossen Zeh. Zwei Stunden vergehen, ich habe 100km geschafft und bekomme langsam Hunger und will meinem Ruecken etwas Erholung goennen. Nun muss man wissen das man ca. alle 2km durch eine Ansiedlung kommt und in jeder Ansiedlung gibt es wenigstens einen Allzweckladen in dem man Getraenkeflaschen mit Benzin, Zigaretten und Essen bekommt. Erkennbar meistens an den Plastikstuehlen unter einem Baum oder einem Sonnensegel.
Ich halte also an und renne gegen die Sprachbariere. Niemand spricht Englisch und ueber mein Khmer brauche ich wohl keine Worte zu verlieren. Trotzdem viel Gegrinse, alte Maenner und kleine Kinder probieren meinen Helm an und bestaunen mein Motorrad. Zum Glueck beherrsche ich das universelle System um unnoetiges Darben zu verhindern. Zunaechst stellt man sich an die Kuehltruhe. Jemand kommt und oeffnet sie, man nimmt sich ein Wasser. Dannach stellt man sich in die Mitte des Etablisments und schaut sich an was die anderen Essen, man zeigt auf am leckersten aussehende Gerricht und dann auf sich selbst. Wahlweise kann man noch phantomimisch Ess-Staebchen zum Mund fuehren. Allseits freundliche Gesichter und Nicken signalisieren Verstaendniss, man setzt sich und wartet auf sein Essen. Wenn einem dannach ist kann man noch ein paar Zigaretten verteilen. Nach dem Essen zahlt man 5000 Riel (1,25$), wird mit Schulterklopfen verabschiedet und weiss das Pauschal-Touristen und Bus fahrende Backpacker ziemlich bedauernswerte Kreaturen sind.
In Kampot taucht das naechste Problem auf. Nachdem ich ein Guesthouse gefunden, geduscht, eine Zeit lang an die Decke gestarrt und darauf gewartet habe das sich Pulsschlag und Atmung beruhigen und der Schweissfluss nachlaesst, ist es vier Uhr nachmittags und damit zu spaet um den Berg zu besteigen. Ich bin in der Naehe vom Aequator und das bedeutet das man sich in einem Moment noch fragt ob das die Daemerung ist und man im nachsten schon in der Dunkelheit steht. Nicht unbedingt die idealen Bedingungen um einen Berg hochzufahren ueber den mal jemand gesagt hat “With a Motorbike? You’re a fool if you try this!” Die Fahrt wird also auf den naechsten Morgen vertagt.
Morgens schaffe ich es wirklich zeitig loszufahren und nehme fuer den Weg noch das kulinarische Erbe von Franzosisch Indochina mit – zwei frische Baguettes und etwas Kaese. Der Lonely Planet spricht davon das die Zufahrt in den Kampot National Park “marked by an elaborate interchange system” ist. Ich brettere ueber eine Strasse die in der Haupsache aus roten Staub besteht und halte die Augen auf nach besagten Interchange System, doch es laesst sich nichts finden. Nach einer knappen Stunde wird mir klar das ich wohl vorbeigefahren bin, schliesslich soll sich die Einfahrt sieben Kilometer westlich der Stadt befinden.
Ich fahre also wieder eine Stunde zurueck und finde nach etwas Sucherei und ein paar Befragungen der Locals schliesslich die Einfahrt. Ein von Schlagloechern durchzogener Weg auf dem kaum noch der urspruengliche Teer zu erkennen ist. Na danke Lonely Planet.
Nachdem ich den Park Rangern die obligatorischen 5$ bezahlt habe mache ich mich an den Aufstieg. Hell Yeah! Das ist wirklich Dirt Biking. Die letzten die den Weg repariert haben muessen die Franzosen gewesen sein, wahrscheinlich kurz nachdem sie einen Haufen Khmer damit umgebracht haben ihn durch den Dschungel zu schlagen. In der Hauptsache besteht er aus fast faustgrossen Kieselsteinen die eine eher schluepfrige Unterlage bilden, ab und an haben sich auch Wurzeln auf der Strasse breit gemacht. Links und rechts rueckt der Dschungel immer weiter herran und Helm und Brille bekommen einen Haufen neuer Kratzer durch herunterhaengende Aeste. Ich schaffe es mehrmals die Federbeine meiner Enduro in Schlagloechern bis zu einem dumpfen Aufsetzen zu treiben.
Irgendwann lege ich eine Pause ein. Mein Ruecken schmerzt von den staendigen Schlaegen gegen den Steiss und das urspruengliche Weiss meiner Enduro hat sich in ein matschiges Rot gewandelt. Ich meditiere darueber ob wohl Mensch oder Maschine zu erst nachgeben und geniesse dabei die Dschungegeraeusche. Ploetzlich hoere ich einen anderen Motor aus der Gegenrichtung. Um die Kurve biegen zwei Kambodschaner auf einem Motorroller, beide winken froehlich. Mensch und Maschine koennen wohl doch noch so einiges vertragen, wird mir klar.
Nach einer Stunde in der ich knappe 30 km und einen ganzen Haufen Hoehenmeter zuruecklege wandelt sich langsam die Flora von dichtem Dschungel in eher lichteren Wald, manchmal kann ich zwischen den Baeumen durchsehen und den Abgrund bewundern der sich neben dem Weg auftut, die Aussicht ist allerdings jetzt schon mehr als Beeindruckend. Neben mir erstrecken sich bis zum diesigen Horizont dampfender Dschungel und Reisfelder.
Schliesslich komme ich auf dem Berg an und bin mehr als Beeindruckt. Die ehemalige Franzoesische Siedlung hat sich in eine echte Geisterstadt verwandelt. Noch bin ich der einzige Tourist und kann ungestoert die Kirche, das Kasino und das ehemalige Grand-Hotel erforschen. Hier oben ist es deutlich frischer als im Tiefland und manchmal biege ich um die Ecke in einen dunklen Gang und fuehle einen kalten Hauch ueber meinen Nacken streifen. Gespenstische Atmosphaere, zu der die Einschussloecher in den Aussenwaenden das ihrige beitragen. Meiner Meinung nach ist die Bokor Hill Station einer der Must-See Plaetze in ganz Kambodscha, nicht nur wegen der Siedlung, sondern vor allem wegen der Aussicht.
Der Kambodschanische Sueden ist eine eher flache Gegend und so kann man von hier oben bis auf den Golf von Thailand schauen, waehrend sich unter einem Dampfschwaden ueber den Dschungel waelzen. Das sind die Momenten in denen mir wirklich klar wird, das ich in einer anderen Welt bin, die wirklich weit von zu Hause entfernt ist.
Nachmeinen Brot und Kaese Fruehstueck steige ich wieder auf mein Motorrad und bewege mich zur anderen Attraktion des Parks, dem Wasserfall. Nachdem ich mein Motorrad vorbei an einem “Parking Here” Schild, einem obligatorischen Minibus und ueber mehrere wackelige Holzbruecken manoevriert habe komme ich schliesslich an und sehe eine Khmer Pick-Nick Gruppe. Sie winken, ich winke zurueck. Ein Figur, die ich anhand von Pilotenbrill und Baseball-Cap als den Familienvater einstufe naehert sich mir und fragt “You like the Road?” Ich antworte das sie auf einem Motorrad ganz spassig ist und wir unterhalten uns, man bietet mir eine Cola an, ich revanchiere mich indem ich Kippen verteile und den Kids mein Motorrad vorfuehre. Dannach gehe ich noch eine Runde schwimmen und mache mich auf den Rueckweg.
Kurz vor dem Ausgang des Parks wird mir bewusst das mein Feuerstuhl seltsame Gerraeusche macht, die er nicht machen sollte. Irgendwas am Hinterrad klackert und schleift. Ich muss einen kleinen Anfall von Paranoia niederkaempfen, die Motorradvermietung hat meinen Pass als Geisel, ohne Pass keine Ausreise und wahrscheinlich werden sie mich zwingen ihnen drei neue Motorraeder zu kaufen weil ich durch meine Fahrweise das Herz des Chefs gebrochen habe, der sich nun aus Trauer um sein Motorrad zu Tode hungert. In einer Vision sehe ich mich mit einem Koffer voll Bargeld barfuss zur Vermietung kriechen. Doch oh Wunder, in der Stadt ist eine Werkstatt.
“Big Bike, Small Bike, Repair Everything”. Hoert sich gut an. Der Meister steckt bis zum Hals in einem Roller, krabbelt jedoch herraus als ich anhalte und gewaehrt mir eine Audienz. Ich versuche das Problem zu beschreiben “Grinding, like Klack! Klack!”. Er nickt wissend, verlankt den Schluessel und sagt ich solle warten, er haette noch wichtigeres zu tun. Im Internet-Cafe auf der anderen Strassenseite wird mir ploetzlich und schlagartige klar das ich grade aus Angst um mein Motorrad einem wildfremden Kambodschaner die Schluessel zu selbigen in die Hand gedrueckt habe. Die Tarantel sticht mich, ich springe auf und laufe rueber. Mein Motorrad steht am Strassenrand und der Schrauberguru steckt wieder bis zum Hals in einem anderen Motorroller. Er laesst mich eine Testfahrt machen, das Klacken ist weg und ich zahle einen Dollar.
Da das Nachtleben in Kampot bis auf einsame Englishlehrerinnen mit unterhaltungsbeduerfniss, gutem Essen in frueh schliessendenden Restaurants und grossen Flaschen Angkor Beer nichts zu bieten hat, berreitet der morgendliche Aufbruch nicht viel Probleme. Im Gegensatz zum Hinweg sind auch nur halb so viele Minibusse unterwegs und nachdem sich mein Fahrmodus wieder auf staendige Bedrohungen und voellig irrationale Fahrweise aller anderen eingestellt hat, bin ich in der Lage eine gute Geschwindigkeit vorzulegen.
Ungefahr 70km vor Phnom Penh entschliesse ich mich zu einer Pause am Strassenrand. Eine Gruppe Jugendlicher taucht auf und – Oh Wunder! – einer spricht sogar englisch. Waehrend seine Kumpels sich damit beschaeftigen unter lauter Unterhaltung jeden Knopf am Lenker einmal zu druecken unterhalten wir uns etwas. Er erklaert mir das er auf sein Taxi nach Phnom Penh wartet, wo er einen Job als Strassenhaendler hat. Eigentlich hat er mal Englische Literatur studiert, aber seine Familie kann die Uni nicht mehr bezahlen. Ich denke mir, was zur Hoelle, Zeit auchmal freundlich zu sein. “You want a ride?” Grosses Gelaechter, ich mache klar das es kein Scherz war, er springt hinten auf und wir machen uns auf dem Weg.
Unterwegs erklaert er mir das er ein gutes Guesthouse kennt. Ich bin mistrauisch, aber berreit es mir anzuschauen. Schliesslich stellt sich raus das es das Guesthouse seiner Mutter ist. Nachdem wir uns durch den Stadtverkehr geschlaengelt haben stehen wir vor einem wirklich grossen Guesthouse, Zimmer mit Kablefernsehen und sogar heissem Wasser. Weil ich ihren Sohn wohlbehalten abgeliefert hat, will mir die Mutter das Zimmer fuer sieben Dollar geben. Leider ist es etwas weit ausserhalb und ich habe mein Motorrad schon ein Tag ueberzogen und muss es bald abliefern. Nach Haendeschuetteln und vielen Thank Yous bin ich wieder auf dem Weg, diesmal zur Motorradvermietung. Sie haben zu. Happy New Year!
Tags: Kambodscha,Motorrad,Photoblog,Unterwegs
Kategorien: Asien '06, Buebo's World
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