Die nächste Station ist Plovidv und wie gewohnt gestalltet sich die Fahrt interessant. Bulgarien ist ein Paradies zum Motorradfahren, zumindest so lange man starke Nerven hat. Auf den bulgarischen Straßen kann man den Unterschied zwischen Mittelwert und statistischer Normalverteilung am eigenen Leib erfahren.
Generell sind die Straßen etwas besser als in Rumänien, trotzdem: “The general state of the republican road system remains unsatisfactory.” Das sagt zumindest meine Bulgarische Straßenkarte und das die Straßen generell etwas besser sind als in Rumänien, bedeutet nicht das hinter der nächsten Kurven kein hungriges Schlagloch darauf wartet Ross und Reiter mit Haut und Haaren zu verschlingen.
Also erstmal schön Piano machen. Zwischen Veliko Tarnovo und Plovidiv nehme ich den Shipka Pass, der mich ein zweites Mal über das Balkan-Gebirge bringen soll, angeblich auch eine der schönsten Straßen, die man in der Umgebung finden kann. Vorher will ich aber noch einmal in Tryavna vorbei, angeblich die Hauptstadt der bulgarischen Holzschnitzereien. Die Fahrt ist ganz sehr nett, auch wenn mich die Ausschilderung scheinbar mehrmals durch das Stadtzentrum von Gabrovo führt, bevor ich endlich auf der serpentinenreichen Bergstraße lande.
Wieder mal eine hübsche Stadt, tolle Schnitzereien kann ich aber auf den ersten Blick keine erkennen und auch nach drei Runden durch die Stadt sehe ich keinen guten Grund erkennen tatsächlich abzusteigen. Es geht also wieder zurück, natürlich nicht ohne kurzes Erinnerungsfoto vor einen weiteren Denkmal, das etwas verloren neben der Straße rumsteht. Zumindest interessiert es hier auch keinen das ich quer über den verwilderten Rasen und anschließend ein paar Treppenstufen hinauf direkt vor das Denkmal fahre. Schade das sowas in den Parks in Westeuropa eher ungnädigt gesehen wird.
Überhaupt die Denkmäler! Scheinbar haben die bulgarischen Kommunisten mindestens die Hälfte ihres Bruttosozialprodukts verwendet um immer mehr Beton in immer neue Formen zu gießen um an immer andere Dinge zu erinnern. Aus touristischer Sicht kann ich mich darüber allerdings nich wirklich beklagen, finde ich doch immer neue Motive und immer neue Gründe durch den Park und die Treppenstufen hinauf zu fahren.
Teilweise ergeben sich auch kuriose Anblicke. Zurück in Gabrovo finde ich dieses Denkmal. Kommt es nur mir so vor, oder hat die rechte Dame eine frappierende Ähnlichkeit mit Lara Croft?
Weiter geht’s zum Shipka Pass, der sich als wirklich schön entpuppt. In mal enger mal weiter geschwungenen Serpentinen geht es den Berg hinauf. Die Straße befindet sich in einem recht guten Zustand und auch wenn der Verkehr relativ dicht ist, kann ich entspannen und mir die Gegend anschauen.
Oben angekommen, ein Anblick den ich nicht wirklich erwartet hätte: Honda Goldwing mit Hänger. Die Fahrer entpuppen sich als Franzosen, die dem Lauf der Donau folgen und einen kurzen Abstecher zum Pass gemacht haben. Sie ist unterwegs auf einem japanischen Vierzylinder und er fährt die Goldwing (mit Hänger!). Nach kurzer Unterhaltung frage ich ob ich ein Foto von der Fuhre machen darf und kann gerade noch, bevor er den Deckel des Hängers schließt, den Kühlschrank entdecken. Da sage einer Motorradfahrer seien alle gleich.
Natürlich fahre ich nicht ab ohne ein erneutes Erinnerungsfoto zu machen, also wieder über die Wiese und die Stufen hoch. Dieses mal ernte ich sogar begeistertes Gelächter von den zuschauenden Bulgaren. Irgendwie mag ich Land und Leute hier.
Auf dem Weg hinunter stoße ich auf eine gesperrte Straße. Eigentlich wollte ich hier lang fahren, aber scheinbar gibt es eine Umleitung. Nach etwas rumsuchen finde ich eine Straße die anscheinend vom Lastverkehr benutzt wird. Laster mag ich denn ihre Präsenz spricht dafür das die Straße irgendwo hin führt, wo irgendwas ist das Waren benötigt. Ich nenne es den buebo’schen LKW Indikator. Auf Reise in einem Fremden Land passiert es schnell das man sich verfährt, ich verfahre mich sogar auf Reise in meiner eigenen Stadt und so verbringe ich einen signifikanten Teil meiner Zeit damit mir etwas verloren vor zu kommen und umher zu irren.
Finde ich jedoch LKWs, kann ich meistens davon ausgehen zumindest schon einmal eine der Hauptverkehrsrouten gefunden zu haben, von denen es hier nicht so viele gibt. Natürlich landet man auch mal in irgendwelchen trostlosen Industrievororten mittelgroßer bulgarischer Städte, zwischen verrostenden Autos, wilden Hunden und irritierten LKW-Fahrern…
Diesem Schicksaal entrinne ich zwar dieses Mal, es dauert trotzdem etwas bis ich die Nebenstraße richtung Plovdiv gefunen habe und wieder mal auf ein paar hungrige Schlaglöcher stoße. Tatsächlich sind sie aber noch nicht ausgewachsen und haben noch lange nicht Kambodschanische Verhältnisse erreicht (dort sind schon ganze Reisebusse spurlos verschwunden, seltsamerweise meistens besetzt mit Mid-Life-Crisis geplagten, verheirateten Männern, oder Kegelclubs). Die Straße ist kaum befahren und so kann ich problemlos beide Spuren benutzen um dem gröbstem aus zu weichen. Den Rest schluckt das Fahrwerk ohne sich zu beklagen.
Die einzigen Schrecksekunden habe ich, wenn ich direkt hinter Kurven auf Wanderdünen stoße, die sich scheinbar gerade daran machen die Straße unter sich zu begraben. Es ist schon ein ganz besonderes Erlebniss um eine Kurve zu kommen und ganz unmittelbar den Unterschied zwischen Haft und Gleitreibung vorgeführt zu bekommen.
Die erste Hälfte der Strecke entpuppt sich allerdings als nettes Kurvenparadies und schlängelt sich recht nett in Richtung Plovidiv. Selbiges liegt allerdings in der Ebene und so geht es bald im gemütlichen Tempo auf fast gerader Straße durch das bulgarische Landleben. Neugierige Blicke wo auch immer man anhält.
Endlich in Plovidv kurve ich durch die Gegend und verfluche die Karten im Lonely Planet. Keine Ahung warum ich jedes Mal wieder einen Reiseführer kaufe, von dem ich schon weiss, das er mir nicht passt. Einbahnstraßen sind nicht mit Richtung eingezeichnet, Fußgängerwege nicht als solche markiert, Wegbeschreibungen sind nutzlos (beim Cola Zeichen abbiegen, Werbung ändert sich ja bekanntlich nie) und der ganze Plan umfasst scheinbar gerade einmal die drei Blocks rund ums Zentrum.
Nach scheinbar endlosem Gekurve finde ich endlich zumindest einmal die Altstadt und auch ein B&B in dem ich zwar ein B(ed) bekomme, aber kein B(reakfast). Dafür kann ich mein Motorrad auf den Hof stellen und obwohl das Haus aus sieht wie im Krisengebiet, gibt es WLAN. Man muss halt Prioritäten setzen. Während ich mir noch das Zimmer anschaue, hat auch schon der Sohn des Hauses die Käthe bestiegen.
Wir schreiben Freitag. Am Montag muss ich in der Nähe von Plovdiv die Käthe bei KTM.bg in die Inspektion geben und so habe ich viel Zeit die Stadt zu erkunden. Die Altstadt entpuppt sich als durchaus sehenswert und macht fast den Eindruck eines Freiluft Museums. Viele Häuser sind in traditioneller, bulgarischer Bauweise gehalten und ragen im ersten Stock über das rustikale Kopfsteinpflaster.
In Plovdiv bekommt man eine durchaus anschauliche Lektion in bulgarischer Geschichte und Lebensart. Römische Ruinen neben Moschee, neben Pizza und Döner, neben orthodoxer Kirche und mittendrinn ein Internet-Cafee. Inmitten all dem hockt eine Statue des Lauschers. Scheinbar ein berühmter Plovidver, der sich vor allem durch das belauschen fremder Gespräche auszeichnet. Die Geschichte habe ich nicht wirklich verstanden
Ich vertreibe mir mal wieder die Zeit damit umher zu wandern, zu fotografieren und die Atmosspähre zu genießen. Die Lebensart scheint eher mediteran geprägt und durchaus auch wohlständig, die Cafes sind immer gut gefüllt und an der Einkaufsstraße reihen sich die Boutiquen, Cafes und Restaurants aneinander.
Auf dem Vorplatz der Kirche gibt es scheinbar einen kleinen Kunsttrödelmarkt. Hier gibt es auf Holz gemalte Ikonen, Bilder, Antiquitäten und allen möglichen Ramsch zu kaufen. Die Preise sind im Großteil ausgeschrieben und die meisten Gespräche um mich herrum sind auf bulgarisch, es scheint sich also nicht mal um Touristen-Nepp zu halten.
Als kurzen Ausflug und um mal wieder ein bisschen ohne Gepäck zu fahren mache ich einen kurzen Ausflug zum nächsten Kloster. Es ist gerammelt voll und die generelle Stimmung erinnert eher an ein Volksfest als ans besinnliche Gebet. Der Weg hinauf ist links und rechts gesäumt von Grills, Restaurants, Souvenierständen und allerlei anderen Buden. Natürlich treffe ich auch auf einen Anblick, den ich bis jetzt nur in Bulgarien gesehen habe: Schlangenmann.
Ich habe zwei Theorien. Der bulgarische Schlangenbesitzer will auch einmal mit seinem Tier spazieren gehen, ist aber von unentschlossener Natur und steht meist an der Seite des Weges weil er sich nicht zwischen zwei Richtungen entscheiden kann. Die andere Möglichkeit ist tropische Würgeschlangen treten die Nachfolge der unsäglichen Tanzbären an. Statt also einen Bären mit heisem Metal und Trommeln zum Tanzen zu bringen, werden Schlangen durch die Gegend geschleppt um sie irgendwelchen Idioten als Fotomotiv um die Schultern zu legen.
Endlich im eigentlichen Kloster angekommen drängen sich die Massen auf dem viel zu kleinen Innenhof, vor der eigentlichen Kirche zieht sich eine Menschenschlange bis fast aus dem Ausgang hinaus und ich werde von irgendeimen uniformierten Wüstlich angemeckert, weil ich genau das gleiche Foto mache, wie alle anderen auch. Etwas genervt beschließe ich wieder ab zu ziehen und mir irgend etwas anderes an zu schauen.
Auf dem Rückweg folge ich einer Ausschilderung zum “Assen Fortress”. Von der ehemaligen Festung ist zwar nicht mehr viel übrig ausser einer renovierten Kirche, aber die Lage ist mehr als malerisch. Kletterte man über ein paar Felsen und einen schmalen Steg entlang, kann man das Tal entlang bis nach Plovdiv schauen.
Die Altstadt von Plovdiv scheint auch bei den Bulgaren recht beliebt zu sein. Romantisch ist sie auf jeden Fall und so kann man des öfteren Hochzeitsfotos beim Entstehen sehen.
Genauso wie Rom ist auch Plovdiv eine Stadt auf sieben Hügeln, oder war es zumindest. Einen haben die Kommunisten wohl gesprengt um das Geröll für irgendwelche Bauvorhaben zu benutzen. Auf einem anderen steht ein großer Russischer Soldat als Dank für die Befreiung von der ottomanischen Herrschaft durch die Russen, auch wenn sie nicht viel gebracht hat, wurde doch Bulgarien darauf hin an Österreich-Ungarn weiter gerreicht.
Ein Hügel ist bedeckt mit der Altstadt, in der man ein altes Römisches Theater finden kann. Der Magie des Ortes kann sich wahrscheinlich kaum jemand entziehen. Beim ersten Versuch rein zu kommen ist die Tür abgeschlossen und so trinke ich oben zwei Bier und genieße die Aussicht. Man sitzt oberhalb der Sitzreihen, während sich unterhalb Plovdiv erstreckt und am Horizont die Sonne hinter den Bergen versinkt.
Beim zweiten Versuch ist sogar jemand an der Tür zu finden. Ich will ihm gerade Geld geben als er abwinkt. “Ten Minutes, no Charge, okay?”.
Okay. Nach dreissig Minuten bin ich wieder draussen und die Tür ist unbesetzt. Tourismus ist hier wohl noch ein unstetiges Business, dem man besser nicht zu viel wertvolle Zeit widmet.
Montags geht es weiter zu KTM. Die Käthe hat nun kurz vor 10.000km und es wird höchste Zeit für die große Inspektion. Eigentlich hatte ich halb damit gerechnet runter nach Thessaloniki zu müssen. Von dort habe ich allerdings nur Absagen von den offiziellen Händlern bekommen, bin also deutlich erleichtert hier in Bulgarien die Inspektion machen zu können, bevor es nach Mazedonien und Albanien geht.
Während Käthe ihre Versorgung bekommt, kümmere ich mich darum mein Blog auf den neuesten Stand zu bringen.
Tags: Bulgarien,KTM 690 Enduro,Motorrad,Plovdiv,Projekt Balkan,Tour
Kategorien: Projekt Balkan
1 Kommentar »



























Eine Antwort zu “Plovdiv”
Wow! Die Bilder sind ja echt sehr schön! War eigentlich noch nie in Bulgarien, würde aber gerne das machen…Danke für den ausführlichen Bericht. Sieht ja sehr nett aus!
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