Langsam ist es Zeit sich von der Schwarzmeerküste zu verabschieden. Eigentlich hat es mir hier viel besser gefallen, als ich es im Voraus vermutet hätte. Ausgegangen bin ich davon das hier der Tourismus bis zum Äußersten getrieben wird, ohne Rücksicht auf Stil, Anstand oder Verluste. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch, zumindest was Varma, Bourgas und die künstlichen Enklaven Sunny Beach und Golden Sands betrifft.

Sozopol hat sich dabei als angenehme Ausnahme gezeigt. Trotzdem freue ich mich mal wieder auf Kurven, Pässe und etwas interessanteres Fahren, als es auf der recht langweiligen und viel befahrenen Küstenstraße möglich war.

Ob ich irgendwo mein Motorrad abstellen könnte, habe ich beim Einchecken gefragt. Klar, Garage hinter dem Haus. Die Garage hat sich dann als das Getränkelager erwiesen und so schieben wir nun gemeinschaftlich noch ein paar Kästen Cola zur Seite, bis ich die Käthe raus manövrieren kann.

Meine 'Garage' in Sozopol
Meine ‘Garage’ in Sozopol

Kurz hoch Richtung Burgas und dann nach Westen abbiegen bis Sliven, dann über den ersten Pass bis hoch nach Veliko Tarnovo. So zumindest lautet der generelle Plan für den Tag. Kaum ist man weg von der Küste wird der Verkehr deutlich geringer und die Straßen etwas schlechter. Aufpassen muss man vor allem weil viele Autofahrer plötzlich und unvorhersehbar stark abbremsen oder wilde Schlangenlinien um Schlaglöcher herum fahren. Ich habe Spaß dabei: Gewicht nach hinten, das Gas voll auf und schon fliegt man einfach drüber, spürt selbst tiefe Löcher kaum und ist (endlich einmal) derjenenige, der die anderen überholt.

Kaum weg von der Küste hört allerdings auch die Basiskarte im Navi auf und ich bewege mich anscheinend im gelben Nirgendwo. Natürlich habe ich auch noch eine Papierkarte, nur leider die Touristenversion. Alle Städte sind im römischen Alphabet geschrieben, was die Orientierung zwar zunächst einfacher macht, das deuten von kyrillischen Straßenschildern aber zum Ratespiel verkommen lässt.

Große, gelbe Leere - Wo bin ich hier nochmal?

Große, gelbe Leere - Wo bin ich hier nochmal?

Irgendwo vor Sliven stehe ich an einer Abzweigung und frage mich, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Plötzlich steht jemand auf einer Suzuki DR800 neben mir, schüttelt mir die Hand, fragt irgendwas auf bulgarisch und deutet auf meine Karte. Ich zeige auf Sliven, er winkt mir ihm zu folgen. Nach ein paar Kreuzungen, diversen wahnsinnigen Überholmanövern, einem kurzen Slide auf Rollsplitt und einer überfahrenen roten Ampel stehen wir auf der richtigen Straße. Nochmaliges Händeschütteln und er ist verschwunden, bevor ich auch nur Danke sagen, geschweige denn ein Foto schiessen kann. Das nenne ich mal Biker-Solidarität.

Ähm... wo lang?

Ähm... wo lang?

Straßenverkehr in Osteuropa scheint immer mal wieder für eine Überraschung gut zu sein. Man stelle sich mal vor, man müsste kurzfristig umziehen. Der Hänger ist bis oben hin voll, sechs Kinder und zwei Frauen im Auto. Was soll man jetzt mit dem Hund machen? Ganz einfach:

Der Hund musste auch noch mit...

Der Hund musste auch noch mit...

Später komme ich an den Vratnik Pass und stehe vor einem Schild das Schneeketten verlangt. So hoch sah das auf der Karte eigentlich nicht aus. Ich fahre natürlich trotzdem erstmal hoch und der Pass entpuppt sich letzten Endes auch als harmlos. Allerdings bekommt man von vielen Seiten zu hören das der bulgarische Winter durchaus heftig werden kann. Nicht umsonst gibt es hier auch viel Ski und Wintertourismus.

Schneeketten?

Schneeketten?

Der Pass entpuppt sich als ziemlich schmale Straße, die rechts und links in Staub und Sand versinkt. Der Zustand ist davon abgesehen zwar gut, durch die geringe Breite kann man aber ziemlich lange hinter einem Laster fest hängen. Wenigstens mal eine gute Gelegenheit das Fotografieren während der Fahrt zu üben.

Hinter einem LKW: Langeweile kommt keine auf.

Hinter einem LKW: Langeweile kommt keine auf.

Veliko Tarnovo hieß zur byzantinischen Zeit einfach nur Tarnovo bis zwei bulgarische Zaren von hier aus eine Rebellion gegen Byzanz starteten. Zwei Jahre später ist der Aufstand zu Ende, Nordbulgarien unabhängig und Tarnovo ebenfalls bekannt als Veliko Tarnovo, großartiges Tarnovo. Die Stadt wird zur Hauptstadt des bulgarischen Reiches und die Leute Bauen Häuser wie andere Zigarettenpäckchen stapeln. Heute hat wahrscheinlich jeder Pflasterstein mehr Geschichte gesehen als die meisten bulgarischen Städte.

Nach etwas rumkurven finde ich endlich ein Guesthouse. 30€ die Nacht und es gibt Fernsehen und Klima-Anlage. Damit kann ich leben und der Besitzer macht auch einen netten Eindruck und spricht darüber hinaus exzellentes Englisch.

Das Gasthaus liegt direkt neben einer Burgruine. Kann ich mir schnell noch mal vor dem Abendessen anschauen. Schnell noch mal vor dem Abendessen, ja klar! Die Burgruine entpuppt sich als Stadtruine und ist doch sowohl größer als auch steiler als ich gedacht hätte. Dafür ist die Aussicht so gut, das sie scheinbar sogar die Hunde genießen.

062 - Hunde Aussicht
Veliko Tarnovo: Sogar die Hunde genießen die Aussicht…

... kein Wunder!

... kein Wunder!

Nach fast zwei Stunden Gekraxel bin ich wirklich reif für Abendessen und gehe in der Stadt auf die Jagd. Die Atmosphäre ist nett und eher gemütlich, wie ich es mittlerweile aus Bulgarien kenne und schließlich werde ich auch mit Essen fündig.

Als Vorspeise gibt es natürlich mal wieder Schopska. Einen Salat bestehend hauptsächlich aus Gurken und Tomaten und auf ausnahmslos jeder Speisekarte zu finden. Angeblich handelt es sich dabei aber nicht um eine tradtionelle bulgarische Mahlzeit, sondern um eine Erfindung der staatlichen Reiseagentur aus der kommunistischen Zeit. Schmeckt trotzdem.

Schopska Salat (Quelle: Wikipedia)

Schopska Salat (Quelle: Wikipedia)

Der nächste Morgen und gar keine Lust zu packen und weiter zu fahren. Das ständige Weiterziehen, das tägliche Einpacken, Auspacken, Neupacken, Umpacken ist wahrscheinlich der eine Faktor am Motorradreisen, der mich am meisten anstrengt und heute morgen merke ich es in jedem Knochen. Ich habe mich schon fast entschlossen einfach noch einen Tag dran zu hängen, die Stadt ist hübsch, das Hotel nett, also was solls?

Altstadt in Veliko Tarnovo

Altstadt in Veliko Tarnovo

Nur mal schnell die Schrauben vom Hitzeschutz am Auspuff kontrollieren. Die lockern sich fast jeden Tag und ich habe schon zwei Stück verloren. Der Typ an der Rezeption sieht ungefähr so unfit aus, wie ich mich fühle und blinzelt mir auf mein Good Morning auch nur verpennt zu.

Raus und die Schrauben kontrolliert, alles fest, alles wunderbar. Irgendwas stört mich auf dem Rückweg. Ich schaue nochmal genauer hin und sehe das auf dem kleinen Terrassen-Tisch eine halbvolle Spritze liegt und falls sie nicht in der Zwischenzeit Insulin braun färben, dann ist das eine halbvolle Spritze mit Heroin.

Also zusammenpacken und weiter geht’s…

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Eine Antwort zu “Weg von der Schwarzmeerküste nach Veliko Tarnovo”

Tobby schrieb einen Kommentar aktiv Januar 6, 2010

Tolle Bilder hast du gemacht! Ich war einmal in Bulgarien! Schöne Leute, schönes Land, auch Kuriositäten kann man überall sehen, aber wo nicht eigentlich? Veliko Tarno ist wirklich eine schöne Stadt und ich würde gerne wieder diese Stadt besuchen!

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