Am schwarzen Meer

buebo | August 12, 2009 21:50

Der Vorteil am Hostel ist das man tatsächlich einmal wieder in Kontakt mit Menschen kommt, die zumindest eine der eigenen Sprachen ganz gut sprechen, auch reisen und vielleicht (meistens eher nicht) etwas interessantes zu erzählen hab; Sozialleben also.

Der Nachteil am Hostel ist das man irgendwie mit drin hängt, ebenfalls Sozialleben.

Natürlich fangen Abends alle, aber auch wirklich alle an zu sumpfen und irgendwie hänge ich mit drin. “We have to travel tomorrow as well”, bekomme ich leicht lallend von einer Engländerin erklärt. Baby, ihr fahrt Bahn, sage ich nicht.

Guten Morgen, alle Wach?!

Guten Morgen, alle Wach?!

Nächster Morgen Aufbruch zwischen sieben und acht und ich entzücke wahrscheinlich ausnahmslos jeden mit meinen laut knarzenden Motorrad-Stiefeln, meinen laut klappernden Koffern und meinen halblautem Gefluche. Immer wenn ich gerade alles verpackt glaube, kriecht aus irgendeiner Ecke ein weiteres meiner Besitztümer hervor und stupst mich an. Ach du willst also auch mit? Hättest dich ruhig mal früher melden können, und wo ist überhaupt dein Kumpel die graue Unterhose?

Ziel für den Tag ist Vama Veche, das letzte Dorf an der rumänischen Schwarzmeerküste und angeblich der Party-Hangout in Rumänien. Nach Party ist mir eigentlich nicht zu mute, aber jetzt noch mal Pläne ändern würde mich dann doch überfordern. Die Strecke führt mich raus aus den Transsylvanischen Bergen und runter in die Tiefebene, durch Bucharest, über die einzige Autobahn des Landes nach Constanta und schließlich an der Küste entlang nach Vama Veche.

Rumänische Durchgangsstraßen sind eine Liga für sich. Besonders zu schätzen, vielleicht auch zu fürchten, zumindest aber zu beachten gelernt habe ich “die drei Streifen des Todes”, wie ich sie nenne. Die großen Durchgangsstraßen sind meist auf jeder Seite nur einspurig ausgebaut und werden natürlich auch vom gesamten Schwerlastverkehr befahren, der sich in den Bergen natürlich entsprechend die langen Serpentinen hoch und wieder runterquält.

Der rumänische Fahrer ist allerdings eher von ungeduldigem Gemüt und hat keinen Sinn dafür sich stundenlang hinter überladenen Lastwagen zu langweilen. Die Verantwortlichen versuchen dieser Eigenart entgegen zu kommen, wohl auch weil der rumänische Fahrer sonst vor nichts zurück schreckt. Auf der anderen Seite scheint ein kompletter Ausbau der großen Strecken nicht in Frage zu kommen.

Also entscheid man sich für einen Kompromiss: Die Fahrbahnen sind abwechseln auf jeder Seite ausgebaut, so dass jede Seite mal dran kommt.

Während der Gegenverkehr nur eine Spur hat, ist die eigene Seite zweispurig ausgebaut um zumindest einem die Gelegenheit zum Überholen zu geben. Wenig später hat man dann selbst nur noch einen Streifen und die Gegenseite zwei.

Geprägt von langen Jahren des Mangels, der Ungerechtigkeit und befeuert von der wilden Seele des Balkans (und – wie ich in schwachen Momenten vermute – beeinflusst von einem grundsätzlichen Missverständniss der Physik von zwei sich mit hohem Tempo auf einander zu bewegenden Körper) reizen besonders diese Stellen (genauso wie Hügel oder blinde Kurven) den Rumänen zum überholen. Die anderen haben zwei Spuren, man selbst soll aber hinter einem asthmatischen, russischen Laster diese verdammten Berge hoch kriechen?

Zumindest ist an Sekundenschlaf nicht zu denken und nachdem die Hände erstmal wieder aufgehört haben zu zittern ist man sogar wieder selbst in der Lage dem Tankwart Geld in die Hand zu drücken oder sich ein Tankstellenfrühstück zu genehmigen. Kein Wunder das man hier noch einen Hat der einem die Zapfpistole hält…

Tankstellenfrühstück

Tankstellenfrühstück

Gegen Mittag erreiche ich Bucharest. Städte hier sind etwas besonderes, es ist ein bisschen wie Frankreich, wo scheinbar alle Straßen sternförmig von Paris ausgehen. Man wird eingesogen, irgendwie in Kurven, Schlenkern, durch Einbahnstraßen und über Boulevarde geleitet. Lastwagen blasen einem ihre schwarzen Dieselschwaden ins Gesicht, Taxis hupen, drängeln und bleiben plötzlich mitten auf der Fahrbahn stehen. Irgendwo steht ein Polizeiwagen, man sieht nur Füße auf dem Amaturenbrett liegen und kann fast das Schnarchen hören. Plötzlich ist man in einer Art Gewergebiet, aufgrissene Straßen, tiefe Pfützen und streunende Hunde und dann ist alles vorbei. Bin ich gerade verdaut worden?

Nettes Auto! Polizei in Bucharest

Nettes Auto! Polizei in Bucharest.

Die Autobahn zwischen Bucharest und Constanta ist fast schon eine Sehenswürdigkeit an und für sich, schnurgerade, fast wie mit dem Lineal gezogen wälzt sie sich durch die Ebene auf die Küste zu. Wahrscheinlich für den Schwerverkehr zwischen dem einzigen großen Hafen des Landes und der Hauptstadt gebaut ist sie doch fast leer, flach wie ein Pfannkuchen und geschmeidig wie ein Seidenschlüpfer.

Gegen Abend komme ich in Vama Veche an und verdammt es ist voll. Nicht Voll, nicht VolL sondern VOLL. Der Strand – Camping kostenlos – besteht scheinbar nur noch aus einer durchgehenden Fläche aus Zeltplane. Die ersten paar Gasthäuser in denen ich nachfrage wollen erst gar nichts von mir wissen, voll und für nur zwei Nächte schon mal gar nicht. Andere haben direkt ein Schild rausgehängt; keine Zimmer mehr verfügbar. Schließlich werde ich bei einer älteren Dame fündig. Für 25€ bekomme ich eine etwas gruftartige Hütte mit einem leicht säuerlich riechenden Bett und einer Toilette in Telefonzellengröße, aber auch nur weil ich mindestens zwei Nächte bleibe.

Auf dem richtigen Weg

Auf dem richtigen Weg: Straßenschild in Constanta

Erster Eindruck: Ein bisschen wie Thailand, nur teurer. Zweiter Eindruck: Ein Ort wo wir alle zusammen ganz anders sein können.

Am ersten Abend lasse ich es gemächlich angehen, esse die Balkan-Nationalspeise Pizza und gehe relativ früh ins Bett, nachdem ich in der lokalen Bikerbar noch ein Bier getrunken und die lokalen Sicherheitsvorstellung bewundert habe.

Rumänische Sicherheitsstandards?

Rumänische Sicherheitsstandards?

Am Zweiten Abend verschlägt es mich an den Strand, hier tanzt der Bär, hier boxt der Papst im Kettenhemd. Ich komme ins Gespräch mit ein paar Rumänen, alle kommen aus Bucharest und alle kennen alle anderen. Scheinbar ist das hier die Partymeile für alle gelangweilten Bucharester und dementsprechend ausgelassen ist die Stimmung.

Abends in Vama Veche

Abends in Vama Veche

Dieses Mal habe ich schon vorgepackt, kann mir also das Gefluche sparen und komme direkt los. Die bulgarische Grenze ist nur ein Katzensprung entfernt und während die Rumänen sogar noch meinen Pass sehen wollen, lässt sich auf bulgarischer Seite niemand blicken und so kann ich meine Ankunft in Kyrillistan feiern. Die Straßen scheinen noch etwas schlechter zu sein in Rumänien, der Verkehr aber eher leicht.

Nächste Station ist Varna, wo ich gegen Mittag ankomme. Nachdem Brasov ganz nett war, habe ich mich hier wieder im Hostel eingebucht, das ich prompt nicht finde, auch nachdem ich so ziemlich jede Zugangsstraße abgeklappert habe. Der Ortsname schreibt sich Звездица und ist für einen Kyrilsch-Anfänger eine ganz schöne Aufgabe. Also fahre ich nochmal in die Stadt, gehe mit allem Kram ins Internet-Cafe, komme mir etwas wie Robocop vor und schaue es mir noch mal auf Google Maps an. Okay, wieder los, wieder nichts.

An der Straße stehen allerdings diverse leicht bekleidete Damen, die immer ganz aufgeregt winken wenn ich vorbei fahre, dann frage ich die doch einfach mal. Leider entwickelt sich die Konversation sehr einseitig und auch in die komplett falsche Richtung. Die Dame gehört zwar ganz eindeutig zur Gattung der Säugetiere, gibt sich aber zweckorientiert eindimensional wie ein niederes Wirbeltier…

Grenze Bulgarien - Willkommen in Kyrillistan!

Grenze Bulgarien - Willkommen in Kyrillistan!

Als nächstes versuche ich es mit einem Polizisten, aber die deutlichste Antwort die ich von ihm bekomme ist ein undeutliches Handwedeln, mit dem andere Menschen eine Fliege verscheuchen würden. Wahrscheinlich habe ich Gesetzeshüter gerade in seiner Gewerkschaftspause gestört, also summe ich mal weiter.

Lange Story in ganz kurz: Letzten Endes bezahle ich ein Taxifahrer um voraus zu fahren und mir den Weg zu zeigen.

Etwas später kommt auch Frank an. Ihn habe ich kurz am Peles Palace, dem rumänischen Neuschwansteinschloss kennen gelernt, ebenfalls allein auf Motorrad unterwegs und ebenfalls aus Deutschland also E-Mails getauscht und in Kontakt geblieben. Scheinbar sind alle Betten in Beschlag und so muss er sich mit einem Zelt im Garten begnügen. Hätte ich das gewusst wäre mir das Zelt eigentlich auch lieber gewesen…

Frank&Ich

Frank&Ich

Der Abend vergeht durchaus vergnüglich mit Benzingesprächen und dem Austausch der einen oder anderen Reise-Erfahrung. Frank schafft es deutlich mehr zu reisen als ich und war neben Asien auch in Südamerika. Um uns herum rockt das Guesthouse und scheinbar sind alle am feiern, wobei sich die ganze Bande irgendwann in diverse Taxis quetscht und zu den Clubs nach Varna aufbricht.

Am nächsten Mittag drehen wir noch eine Runde durch Varna, schauen uns ein paar Schiffe an, schießen ein paar Fotos, lassen uns etwas angebrannte Fische servieren und schauen auf ein vor dem Strand ankerndes Kriegsschiff. Auf dem Rückweg stoßen wir noch auf eine ziemlich verrümpelte Marine Ausstellung hinter der Strandpromenade. Neben einem Hubschrauber, einem Schnellboot und jeder Menge Müll gibt es auch eine hübsch sozialistische Statue zu sehen.

Staue irgendwo beim Strand

Staue irgendwo beim Strand

Frank fährt dann weiter nach Nesebar, ich bleibe noch eine Nacht im Hostel, lasse es langsam angehen und gehe früh ins Bett und anscheinend bin ich nicht der einzige. Alle anderen scheinen den ganzen Abend vor dem Fernseher zu vergammeln. Ein Franzose sagt dazu “You don’t go to the asshole of Europe to watch TV”.  Als ich gegen zehn Schlafen gehe, lege ich mich in ein wunderbares Schnarchkonzert, das mich noch bestimmt eine Stunde wach hält. Langsam bin ich wieder reif für ein eigenes Zimmer…

Alle Mopeds noch da? Kontrollblick am Morgen.

Alle Mopeds noch da? Kontrollblick am Morgen.

Sozopol ganz im Süden der bulgarischen Schwarzmeerküste ist wahrscheinlich der netteste Ferienort den ich in der Gegend hier bis jetzt gesehen habe. So nett sogar, das ich mich nach einer Nacht entscheide noch eine zu bleiben, was wohl auch zum Teil daran liegt das mein Einzelzimmer tatsächlich aus zwei Zimmern besteht und eher einem Appartment ähnelt.

Neben meinem Hotelzimmer hat die Stadt aber durchaus auch noch andere Reize zu bieten. Der Strand ist wahrscheinlich nur durchschnitt erfüllt aber seinen zweck möglichst viele Körper gleichzeit zu braten. Die Stadt ist geteilt in Old Town und New Town. Ersterer besteht vor allem aus in tradioneller Holzbauweise gebauten Häusern in größten Teil perfekten Zustand. Immer wieder kann man kleine Museen, renovierte Kirchen oder andere historische Gebäude entdecken. New Town besteht vor allem aus Hotels (unter anderem auch meinem) und einem Strand an dem diverse Restaurants und Bars befinden.

Strand von Sozopol

Strand von Sozopol

Was mir gut gefällt ist die eher entspannte Stimmung, alles wirkt ein bisschen angenehmer und entspannter als ich es in Varna und Bourgas wahr genommen habe. Falls ich noch mal ein paar Tage an der Küste ausspannen wollte, Sozopol wäre wohl die erste Wahl.

Die Fahrerei der letzten Tage war allerdings vielleicht nicht langweilig aber zumindest nicht erste Wahl. Die bulgarische Küstenstraße ist recht dich bevölkert, ziemlich gerade und sobald sich ein paar Kurven ergeben, staut sich direkt der Durchgangsverkehr. Morgen breche ich in Richtung Inland und werde endlich mal in Kontakt mit dem Balkan kommen und – falls alles klappt – ihn in der nächsten Zeit nicht nur einmal sondern gleich mehrmals überqueren!

Los geht’s!

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Eine Antwort zu “Am schwarzen Meer”

Heiner Leikam schrieb einen Kommentar aktiv August 13, 2009

Hallo buebo,

macht mir grosse Freude deine Erfahrungen und Erlebnisse zu lesen. Kommt mir immer irgendwie bekannt vor….Nächstes Jahr mach ich mich dran, in etwa deinen Spuren zu folgen. Viel Spass und gute Fahrt …..
und schreib natürlich weiter!!!
Beste Grüsse
Heiner

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