Auf dem Weg nach Sibiu
buebo | August 3, 2009 11:31Die Enduromania ist vorbei und ich ziehe weiter. Etwas ans Herz gewachsenen ist es mir hier auf jeden Fall, wozu nicht zu letzt der See direkt vor der Haustür und die unglaublich gute Verpflegung beigetragen haben. Bier für ein Euro und Endurofahren bis der Sattel kracht sind natürlich auch gute Argumente.
Trotzdem, weiter gehts, es ist morgens um sieben und es fühlt sich an als stehe der Autoreisezug in Triest schon in den Startlöchern, schnell noch ein paar Erlebnisse in die Reise quetschen, sonst ist es zu spät. Schnelles Frühstück, kurze Verabschiedungen und ich bin wieder unterwegs. Die Käthe summt und auch die gefürchtete Schotterstraße hat ihren Schrecken verloren.
Mein Weg führt mich zunächst nach Süden und dann weiter nach Osten. Ich will zur Transalpina, einer – so habe ich mir sagen lassen – wunderschönen Straße durch die Karpathen. Etwa auf er Hälfte gibt es einen Campingplatz und den würde ich heute gerne erreichen. Mir steht der Sinn dannach draussen zu schlafen, selbst zu kochen und mal wieder etwas Natur zu spüren. Natur spüren sollte ich später auch noch, aber anders.
Ich fahre zunächst die E70 hinunter und biege dann bei Baie Herculane nach Osten ab. Vor mir ragen die ersten Felsen steil in die Höhe und ich bleibe stehen und versuche die beeindruckende Landschaft mit als Foto einzufange, leider ziemlich erfolglos, maches muss man einfach selbst sehen. Das denken scheinbar auch die Rumänen, die sich jetzt am Wochenende gleich scharenweise ins Grüne begeben und überall neben der Straße grillen, Zelten und Sonnenbaden. Die Stimmung ist ausgelassen und scheint sorgenfrei, Kinder spielen neben der Straße und üerall sieht man Grüppchen zusammen diskutieren, palavern, essen und trinken.
Ich versuche mir vorzustellen, wie sich im Sommer halb Frankfurt in den Taunus auf macht, Zelte aufbaut, grillt und feiert. Irgendwann fühlen sich aber die ersten Anwohner belästigt, die Jäger beschweren sich und zum Schluss kommt die Polizei und will alle festnehmen…
Nachmittags führt mich mein Weg durch eine weite Ebene, die Berggipfel sind nur noch im Dunst zu erahnen und ich komme mir vor wie in der Prärie. Tatsächlich dauert es auch nicht mehr lange bis ich der ersten Pferdekutsche begene, ein Anblick der in Rumänien zwar häufig ist, hier ist aber scheinbar die ganze Gegend unterwegs. Immerhin überhole ich in den nächsten zwei Stunden bestimmt fünfzig weitere Kutschen und sehe etwas später auch noch eine Herde Pferde, die auf der Wiese neben der Straße grasen.
Nachmittags gegen vier komme ich endlich in Novaci an, dem Einstieg zur Transalpinia an. Über den Bergen kann ich schlechtes Wetter sehe, dunkle Wolken haben sich drohend zusammen gezogen und das Bergpanorama sieht aus als stünde ein Dunkler Turm direkt aus einem Tolkien Märchen dahinter. Ich versuche es trotzdem und werde zurück geschlagen.
Ein paar Kehren hinauf und es beginnt zu regnen. Was ist schon ein bisschen Regen? Ich ziehe meine Regenjacke an und fahre weiter.
Noch ein paar Kehren hinauf und es wird kalt. Macht auch nix, ich habe einen dicken Schlafsack dabei und in zehn Kilometern sollte der Campingplatz kommen.
Kurz darauf fängt es an zu Blitzen und ich bin mir ziemlich sicher das der Blitz hinter der nächsten Spitzkehre eingeschlagen ist. Will ich mich heute wirklich an einen Baum auf einem Bergrücken hängen?
Ein paar weitere Kehren hinauf fängt es an zu hageln.
Okay, das reicht.
Ich drehe um und fahre zurück, morgen ist auch noch ein Tag und im letzten Kaff gab es eine Pension. Bis ich dort wieder angekommen bin, kommt der Regen fast waagrecht und meine Stiefel sind mittlerweile auch voll gelaufen aber wenigstens muss ich jetzt nicht noch Zelten und draussen kochen. Das wäre dann doch zu viel Natur.
Zurück im Ort finde ich <i>Pensiune Ela</i>, ein Zimmer kostet zwanzig Euro, okay nehme ich und zwar ungesehen und so schnell wie möglich. Ungesehen genommene Zimmer haben sich bisher bei mir immer als Kascheme raus gestellt, doch dieses Mal siehe da:
Da ich heute so gar keine Lust mehr habe ein unbekanntes rumänisches Dorf nach Abendbrot zu durchkämmen, beschließe ich mein Abendbrot auf dem Zimmer einzunehmen:
Draussen tobt sich derweil das Wetter aus:
Am nächsten Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders, auch wenn es viel zu früh ist. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten habe ich dieses Mal alles schon am Abend vorher gepackt, weswegen mir nun morgens um halb Acht die gründe fehlen weiter zu trödeln. Die Leute von der Pension entwickeln ebenfalls eine ungewöhnliche Effektivität, die ich so in Rumänien auch noch nicht erlebt habe und so spuckt mich schon um viertel vor Acht das Hoftor aus und ich fahre wieder hoch in die Berge.
Ich muss zugeben das die Athmosphäre morgens schon eine andere, vielleicht auch eine schönere ist. Niemand auf der Straßen ausser dem seltenen Lastwagen, die Sonne steht noch tief und wirft lange Schatten, die Luft kühl und über allem liegt noch ein leichter Dunst. Ob sich das Aufstehen dafür lohnt? Ich kann’s nicht sagen…
Die Strasse ist glatte wie der Kojaks frisch gewienerte Platte oder der Teflon-Hintern eines neugebohrenen Anwalts und ich bin irgendwie enttäuscht. Der größte Teil meiner Reiseplanung besteht aus irgendwelchen Dingen, die ich irgendwo aufgeschnappt habe. Eine davon war das dieser Pass erstens durch irgendeinen Superlativ glänzen soll (höchster, längster, tollster, kurvigster von Europa, was weiss ich?) und zweites ungeteert sei. Tatsächlich ist er aber bis hierhin sowas von geteert, man mag es kaum glauben…
Alles ändert sich allerdings sobald ich auf das erste Dorf treffe. Das Rumänien im Aufbruch ist und sich vieles wandelt kann man an Orten wie diesem sehr gut beobachten. Ein neues Hotel reiht sich hier am nächsten, viele noch im Rohbau, manche scheinbar schon fertig, überall hört man Hämmern, Bohren und das Dröhnen der Lastwagen. Schon nächstes Jahr wird hier wohl ein Ferienort stehen, der sich auch vor Touristenfallen wie Ischgl nicht zu verstecken braucht. Das alte Rumänien ist aber auch noch quicklebendig und mitten durch die Baustelle treibt ein Schäfer seine Herde.
Viel wichtiger aber, die Straße nähert sich mit einem Schlag meinen Vorstellungen. Der Teer hört auf und ich fahre auf Schotter und losem Geröll. wenn man das Fahren nennen kann und nicht wabbeln, eiern oder andere nicht besonders schmeichelhafte Verben. Für mich ist Schotter eine Gewöhnungssache, am Anfang regiert noch das unwohlige Gefühl, das sich der Untergrund unter einem bewegt und man keine wirkliche Kontrolle hat. Traue ich mich aber erstmal wirklich Gas zu geben, einfach mal zu entspannen, alles locker zu nehmen und es einfach mal laufen zu lassen, dann läuft es auch. Dieses Mal meldet sich aber das Gepäck mal wieder zu Wort, beim Bremsen und in Kurven schiebt die gesammte Kiste weiter über das Vorderrad, selbst wenn ich mich fast komplett über den Lenker nach vorne hänge.
Ich beschliesse letzten Endes es einfach locker zu nehmen, mich zu setzen und die wunderschöne Gegend zu genießen. Der Weg windet sich in engen Kehren den Berg hinauf und der Belag schwankt zwischen Felsen, Schotter und Geröll. Man erwartet fast Fred Feuerstein im Trampel-Auto um die Ecke kommen zu sehen. Die Vorzeichen der Veränderung sind aber nicht zu übersehen. Neben gelegentlichen Lastwagen oder Baggern, beladen Baumaterial, treffe ich immer wieder auf Baustellen. Ich bin froh die Straße noch so zu erleben wie jetzt ist, Entwicklung ist leider nicht immer positiv für den Endurofahrer. Auf der anderen Seite kann man es den Rumäniern kaum verwehren die natürliche Schönheit der Gegend verwerten zu wollen, Westeuropa macht vor wie’s geht.
Der Weg nach unten gestalltet sich ähnlich amüsant, nur weicht hier der Schotter dem Matsch. Die Gegend ist dicht bewaltet und die Straße scheint die Hauptroute für die Baufahrzeuge zu sein. Überall wo die Sonne hinscheint ist der Matsch schon am frühen Vormittag zu lehmigen Minigebirgen und Spurrillen fest gebacken. Der Großteil ist allerdings bewaldet, schattig und daher noch ziemlich nass. Dass Fahren wird leicht verkompliziert durch verschiedene Nutztiere, die sich einen Spaß daraus machen plötzlich auf die Straße zu springen. Gibt wahrscheinlich interessante Gespräche Abends im Stall und bewahrt vor zu viel Langeweile.
Nachmittags beschließe ich eine Abkürzung in Richtung Sibiu zu nehmen. Abkürzungen in einem Land, in dem schon die Hauptverkehrswege in einem völlig unverhersehbaren Zustand sind, stellen sich manchmal als blöde Idee herraus. Dieses Mal ist die Straße aber eingezeichnet auf meiner Rumänien Motorrad-Karte und ich finde auch direkt ein entsprechendes Schild.
Das einzige Problem ist, das ich schon recht knapp an Sprit bin. Nach der Karte zu urteilen sollten es aber nicht mehr als 40km sein bis zur nächsten Ortschaft. Was mir – kurz vor Reserve – ein großzügiges Polster von 500 Metern lässt bevor ich meine Notreserven anzapfen muss.
Okay, es war eine dumme Idee, aber ich fühlte mich nicht wirklich in Stimmung mit dem Kamikaze-Stil der Rumänien Hauptverbindungsrouten zu befassen und in den Bergen ist ja auch alles so gut gelaufen.
Ich fahre also meine Abkürzung entlang. Immer mal wieder ein paar Abzweigungen und Pfade, aber ich bleibe auf meinem. Das sich nicht verzeichnete Pfade auftuen bin ich schon gewöhnt, was auch mit der rumänischen Angewohnheit zusammen hängt kaputte Wege nicht zu reparieren, sondern einfach ein paar hundert Meter weiter einen neuen Weg nieder zu trampeln und zu fahren.
Relativ bald geht die gefürchtete Reserve-Lampe an. Okay, noch ungefähr 30km Reichweite, aber der nächste Ort kann nicht mehr weit sein, auch wenn es nicht so aussieht, dachte ich zumindest. Bis mir auf dem GPS aufgefallen ist das ich tatsächlich südlich eines Ortes bin, von dem ich nördlich sein sollte. Was bedeutet ich befinde mich eben nicht auf der Straße, auf der ich mich befinden sollte, was bedeutet das ich tatsächlich weg von der nächsten Tankstelle gefahren bin und nicht auf sie zu, was bedeutet ich hocke im Wald und habe nicht mehr genug Sprit um zurück zu kommen.
Das sind Momente in denen es mir kalt den Rücken hinunter läuft und ich normalerweise ein bisschen Pippi machen muss.
Ich erspare dem geneigten Leser mal die Details. Schon der Fakt, dass ich hier in einem Internet-Cafe sitze und diese Zeilen schreibe während ich von einer “Auto, Motor, Sport” lesenden Dame von rechts mit Top Gear in voller Lautstärke zu gedröhnt werde, verrät das ich es lebendig hinaus und zurück in die Zivilisation geschafft habe.
Pünktlich zum Stau natürlich.
Und irgendwann gibt es einen großen Tank!
Tags: Enduro,Enduromania,KTM 690,Motorrad,Reise,Rumänien,Schotter,Unterwegs
Kategorien: Projekt Balkan
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