Enduromania
buebo | August 1, 2009 10:07Ja wo isser denn, der Groove? Keine Ahnung, aber nach einer Woche richtig schön im Dreck spielen, sieht alles erst mal besser aus.
Doch von vorne: Enduromania, was soll das denn sein? Die Idee ist einfach wie bestechend. Eine Offroad-Veranstaltung in einem der letzten Länder in Europa, in dem man noch durch die Pampa fahren darf wie es einem gefällt, ganz egal ob mit dem Jeep, dem Quad oder der Enduro. Nebenbei wird auch noch der Tourismus und die lokale Entwicklung gefördert und das die Gegend in der alles statt findet auch noch ausgesprochen schön anzuschauen ist, darf man ruhig als das Sahnetüpfelchen auf der Torte begreifen.
Also fährt man auf Kutschenwegen, Trampelpfaden oder ohne Wege durch die nähere Umgebung und sucht Checkpoints, die – meistens – aus einem Nagel in einem Baum bestehen. Manchmal aber auch aus einem Kneipenwirt mit einem Stempel. Weiter entfernte oder schwierig zu erreichende Ziele geben mehr Punkte, nahe und einfache weniger.
Die Entscheidung, in Timisoara zu übernachten stellt sich als Goldrichtig aus. Brebu Nou – das Nest von dem aus die Enduromania startet – ist nicht auf meiner Karte verzeichnet, Google Maps zeigt keine Straßen und die einzige konkrete Idee wo ich genau hin muss, habe ich aus der Enduromania FAQ (Link einfügen): Caransebes und dann ist man direkt da.
Ach ja? Nachdem ich in 50km Länge drei mal die Bundesstraßenartige E70 auf und ab gefahren bin, kenne ich zwar nun jede der zahlreichen Baustellen, natürlich mit Ampel und Kilometerlanger Schlange, auswendig, ein Ortsschild oder eine ausgeschilderte Abfahrt nach Brebu Nou kann ich aber nicht finden. Kurz vorm vierten Mal reisse ich mich zusammen, denke mal konkret und scharf nach und frage an der Tankstelle.
Der Tankwart spricht natürlich nur rumänisch und beschreibt mir Wort und Gestenreich irgendwas, vielleicht den Weg, vielleicht auch nicht. Zwischendurch blinzelt er mir immer wieder zu und ich frage mich schon zu wem ich mich ins Bett legen soll, bis plötzlich ein weiterer Mann auftaucht und mich fragt: “Englisch? Deutsch?”
“Hoch ins Dorf, über die erste Brücke drüber und dann der Straße folgen, sehr gut mit Motorrad, Haha.”, so ungefähr bekomme ich den Weg beschrieben und besonders die letzten zwei Silben treffen es gut. Das einzig schlimmere als mit einer ziemlich überladenen Enduro miese Pisten befahren zu müssen ist, mit einer ziemlich überladenen Enduro miese Pisten befahren zu müssen, die vor ein paar hundert Jahren mal eine gute Straße wahren.
Stellenweise erahnt man noch die alte Straße unter dem Schotter, manchmal kommt Kopfsteinpflaster oder alter Teer durch, meistens mit tiefen Schlaglöchern, die wieder mit irgendwelchem Geröll gefüllt wurden. Ich will jetzt einfach nicht stürzen, nicht mit dem sauschweren Mopped, das sowieso schon unter all dem Gepäck und dem verdammten Reifen, ganz oben drauf, ächzt.
Überhaupt der verdammte Reifen. Eigentlich hatte ich ja gehofft mir in Rumänien einen neuen Hinterreifen kaufen zu können, denn das der schon länger aufgezogene TKC80 nach 1500km Autobahn nicht mehr taufrisch sein dürfte, ist klar. Leider kein Glück, die Größe 140/80 ist – zumindest vor Ort – nicht zu bekommen. Okay, nehme ich halt einen mit. Das Problem ist nur das die einzige Methode den Reifen auch fest zu machen ihn hinten auf die Koffer, queer über den Soziusplatz zu legen.
Das Arrangement hat den Nachteil erstens extrem umständlich zu sein, da ich jedes Mal, wenn ich irgendwas aus einer der Kisten holen will, den Reifen komplett runter nehmen muss, zweitens bekomme ich bei jeder einzelnen Bodenwelle einen Schlag ins Kreuz und Bodenwellen gibt es viele auf dem Weg nach Brebu Nou.
Ich bin übrigens der einzige, der mit dem Motorrad angereist ist, alle anderen haben die Moppeds auf dem Hänger, im Bus oder auf dem Pick-Up und – ich gebe es zu – ein bisschen neidisch bin ich schon. Die Fahrerei hätte ich mir auch gerne gespart.
Sontag Abend finde ich dann mein Team, vielmehr mein Team findet mich. “Allein hier? Kein Team? Fährst halt bei uns mit!”. Ähm, okay, das ich nix kann und eigentlich mehr oder weniger noch gar nicht Offroad gefahren bin, erwähne ich an der Stelle einfach mal nicht. Nachts geht mir dann aber etwas die Düse. Ich kann tatsächlich nicht besonders Gelände fahren, sehe mich schon heulen auf irgendeinem Berggipfel stehen, vor mir ein kleiner Pfad aus Kindsköpfgroßen Wackersteinen; “Ich will da nicht runder!!! Buhu!!!”
Tatsächlich klappt es viel besser als ich es gedacht hätte. Ich versuche erst gar nicht mehr als einfach nur irgendwie hinterher zu fahren. Steile Abfahrten werden im ersten Gang gerollt und aufwärts geht’s genau so, wenn auch mit ordentlich Gas…
Wir stehen im Wald, vor uns ein kleiner Bach, dahinter ein Weg der nach ein paar Metern eine Kurve den Berg hinauf macht. Irgendwo da oben ist ein Checkpoint, also wollen wir da auch rauf. Sieht einfach aus, ich bin zuversichtlich. Wir fahren also los, ich komme um die Ecke, sehe das der sogenannte Weg eigentlich nur aus riesen Felsen besteht und die erste Reaktion ist Bremsen und Angst haben.
Die erste Reaktion wäre Bremsen und Angst haben, hätte mir nicht in dem Moment ein dicker Stein das Vorderrad in die Luft geschlagen, ich kann mich gerade noch am Lenker fest halten, reisse das Gas auf und die Käthe springt und hüpft den Berg hinauf ohne das ich in der Lage wäre an Kupplung oder Bremse zu kommen. Manchmal glaube ich doch das Motorräder ein Eigenleben haben.
Abends beim Essen unterhalte ich mich mit der Schwedischen Gruppe und einer der Jungs bringt es auf den Punkt:”Some of the Place I rode to today, I would not even walk.” Es ist kaum zu glauben, wie viel ein Geländemotorrad mitmacht, ungeachtet des übergewichtigen und untertrainierten Fahrers, der zwischen Panik und Extase von einer Unzurechnungsfähigkeit in die nächste taumelt.
Auf dem Weg die gleichen Steine hinunter stürze ich dann trotzdem. Es ist eine schlechte Idee zu Bremsen wenn der Untergrund sowieso keinen Grip bietet. Erstens wird man nicht langsamer und zweitens blockiert das Vorderrad, was einen dann doch horizontal zum Stop kommen lässt. Am gleichen Tag erwischt mich auch noch eine Bodenwelle bei ca. 60km/h schräg von der Seite, ich fliege ein Stück durch die Luft und schlage einen Purzelbaum auf dem Boden. Der nun in eine hübsche S-Form gebogene Schalthebel bleibt – bis auf zwei verlorene Schrauben – der einzige Schaden für die Woche.
Abends kann man die Teams beim Planen beobachten. Fast alle sind sowieso Wiederholungstäter und waren schon mehrmals auf der Enduromania gewesen. Tom und Fritz – meine beiden Team-Kameraden – sind Paradebeispiele. Alle Checkpoints auf der Karte eingezeichnet, kennen sie die meisten Wege und Checkpoints sowieso schon auswendig. Probleme treten nur auf wenn Checkpoints einfach nicht dort sind, wo sie sein sollten.
Wir stehen im Wald. Das heisst die anderen stehen, ich liege, schnaufe wie eine alte Dampflok und versuche gleichzeitig ein paar Worte hinaus zu bekommen: “Checkpoint – uff – nicht gefunden – fffff – GPS sagt stimmt – ufff – aber nix da – pffff”. Wir waren nahe drann, es sollten nur 150 Meter sein, also wollte ich nur mal kurz nachschauen. Die ersten paar Meter ging es durch dichte Farne, gemischt mit Dornen. Was sind schon die paar Kratzer im Gesicht? Dannach steil bergab. Vielleicht hätte ich doch vorher die Enduro-Kleidung aus ziehen sollen, immerhin ist es bestimmt dreissig Grad. Unten angekommen stapfe ich ein ausgetrocknetes Bachbett hinauf und wiede runter. Keine Markierung zu finden auch wenn die Koordinaten genau stimmen, also wieder hoch. 200 Höhenmeter (ich habe nachgeschaut!) später und ich fühle mich wie kurz vorm Kolbenfresser.
Leider passiert uns das in dieser Woche häufiger und ich habe das Gefühl das einige der Checkpoint selbst ab und an mal einen Check vertragen könnten.
Irgendwann geht der Reissverschluss meiner Hose kaputt. Schon in Österreich ist mir ein kaputter Zahn aufgefallen, die Energie etwas dagegen zu unternehmen hatte ich aber nicht. Auf Touren wie dieser, in einem Land dessen Sprache ich nicht spreche und abseits der großen Städte können einfache Dinge an die man zu Hause wenige Gedanken verschwenden würde wachsen, hungrig werden und ganze Tage verschlingen.
Ich will mich nicht selbst kümmern müssen. Eigentlich will ich – wie immer – nur fahren und wenn ich nicht fahren will, dann will ich am See liegen oder das hervorragend, herzhafte Abendessen genießen, Bier trinken, mit den Schweden quatschen oder durch die Gegend spazieren. Also frage ich die Damen in der Küche und am Abend habe ich einen Reissverschluss. Das Problem ist nur, dass ich auch jemanden brauche der ihn in die Hose näht und das machen auch die Damen in der Küche nicht.
Nach zwei Tagen in einer von Iris und Tom geborgten Hose fahre ich also die ausgezeichnete, geteerte Strasse in die andere Richtung hinunter und nach Resita, der nächsten größeren Stadt. Wer sich nun eine Rumänische Provinzstadt als trübes Nest im sozialistischen Einheitsgrau, Farbton “Trist” vorstellt, der liegt fast ganz falsch. Natürlich stehen die Plattenbauten noch und natürlich sieht alles etwas nach Planstadt aus. Trotzdem kann man sehen das hier viel im Aufbruch ist, alle tragen morderne, modische Klamotten, die Einkaufsläden summen und brummen und auf der ersten Stadtrunde sehe ich bestimmt ein dutzend Mode und gleich viele Handyläden. Dafür kein Schneider.
Ein Besuch der besten Boutique der Stadt, in der ich meine verdreckte Motorradhose und den neuen Reissverschluss hervorhole und durch Gestikulieren und in drei verschiedenen Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Hessisch) mein Anliegen schildere bringt mir auch nur ein scheinbar besorgtes Stirnrunzeln der Verkäuferin ein. Also noch eine Runde und plötzlich sehe ich im Erdgeschoss eines sozialistischen Einheitsplattenbaus – ich bin mir sicher genau das gleiche Gebäude schon mal in Magdeburg gesehen zu haben – eine Nähmaschine in einem Schaufenster.
Direkt hinein und dieses mal klappt alles wie es soll. Ich zeige die kaputte Hose, der Schneider nickt. Ich zeige den neuen Reissverschluss, der Schneider nickt wieder. Ich halte den Reisverschluss auf dei Hose und summe wie eine Nähmaschine. Der Schneider nickt und sagt irgendwas mit Lei, vermutlich den Preis. Ich nicke und zeige auf meine Armbanduhr, er hält zwei Finger in die Höhe, ich soll also um zwei wieder kommen.
Die Traveller-Instinkte funktionieren also noch, heute ein Reißverschluss morgen Istanbul!
Ist der Groove zurück?
Tags: Enduro,Enduromania,groove,Motorrad,Rumänien
Kategorien: Projekt Balkan
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