Schotter, Gräber und Gepäck – Generalprobe in Frankreich
buebo | Juli 9, 2009 13:58Drei Tage Frankreich als Vorbereitung für sechs Wochen Ost-Europa. Schotterwege, Kriegsgräber und Gepäck. Einige Lehren müssen gezogen werden.
Packen konnte ich noch nie. Nie. Überhaupt nicht. Im Wohnzimmer türmt sich die Wäsche, der Hund spielt mit meinen letzten frischen Unterhosen und Andi fragt ob ich den ganzen Kram auch wieder aufräumen bevor ich abfahre. Im letzten Moment schmeiße ich das neu gekaufte Camping-Geschirr raus und stopfe dafür noch ein paar Schläuche ins Gepäck, schnalle den Schlafsack auf den Koffer und dann passt alles.
Tankstelle auf dem Weg zum Treffpunkt und wo die Reise denn hin gehen soll? Gruppe Rentner frisch aus dem Reisebus und ich komme mir vor wie der Poser, der ich bin. “Marokko”, sage ich, steige auf und fahre Richtung Oberrhein.
In Linz am Rhein treffe ich Hanno. Wir kennen uns aus dem HUBB und vom letzten Horizonts Unlimited Meeting im Odenwald. Hanno kennt sich aus mit Campen, Motorrädern und Fotografieren und hat mir in allen drei Bereichen ziemlich viel voraus. Dafür hat seine LC4 ein Stopfen verloren und ballert nun irgendwo bei den Krümern Abgase raus.
Ist die Reise schon wieder vorbei, bevor sie angefangen hat?
Der nächste KTM-Dealer ist hilfreich wie ein Zahnarzt bei Hämmorroiden; “Stehen lassen, nächste Woche irgendwann” ist noch das sinnvollste was wir aus ihm raus bekommen. Wenigstens hat er die Teile da und wir fahren weiter in das nächste Kaff wo irgendwo irgendsoeine freie Werkstatt sein soll.
Gerade angekommen, rollen sich uns erstmal die Fußnägel hoch. Die nächste Werkstatt sieht von außen verdammt nach Harley-Händler aus, komplett mit Choppern auf dem Bürgersteig und langhaarigen Kuttenträgern im Verkaufsraum. Ich kann mich nicht ganz entscheiden ob das Abenteuer hier beginnt oder schon wieder zu Ende ist.
Verblüffenderweise werden wir derartig freundlich aufgenommen, das ich spontan beschließe alle meine Vorurteile gegen Harleys im speziellen und Chopper im allgemeinen, Kuttenträger und alles sonstige in der Richtung in einen großen Sack zu stecken und so langen mit ausgenudelten Motorradketten zu schlagen bis sie laut um Gnade wimmern und sich auf nimmerwiedersehen verdünisieren.
Natürlich können wir die Kiste selbst vorbereiten und natürlich können wir im Hof arbeiten und überhaupt gib mal die Zange her, so geht das auch. Kölsch und Pils ist im Kühlschrank und Kaffee kommt aus dem Automaten, der Hund tut auch nix.
Leute, falls irgendwer irgendwo in der Nähe von Cycle Point West (Hauptstr. 28A in 53757 Sankt Augustin) wohnt, wartet nicht bis eure Kisten erstmal kaputt sind, bringt den Jungs dort einfach auf direktem Wege kistenweise Bier, Huldigungen und sonstige gute Dinge mit. Dort findet man noch die echten Könner, Enthusiasten und Tüftler, mit Herz und Seele dabei, unbedingt erhaltenswerte Exemplare eine leider fast aussterbenden Gattung die eigentlich nichts als bedingungslosen Erfolg oder zumindest Freibier bis ans Lebensende verdient haben.
Dannach die Eifel auf den ganz kleinen Straßen, kein Mittelstreifen, Schlaglöcher und mehr Kurven als ein Topf Spaghetti. Purer Motorradwahnsinn, immer an der Haftgrenze der Reifen, Rutscher werden gutmütig ignoriert, da geht noch was, Stollenreifen oder nicht. Wozu braucht man noch einmal eine Supermoto? Eigentlich müssten irgendwann die Alu-Kisten aufsetzen, oder zumindest die Selbstüberschätzung böse Folgen nach sich ziehen. Man könnte sich sogar fragen warum man eigentlich nicht in so einer Ecke wohnt.
“Eher ruhig bei uns”, sagt der Typ vom Campingplatz am Abend, man hört die Grillen im Nachbarort zirpen und weiß wieder warum man nicht in so einer Ecke wohnt. Jaja, die jungen Leuten. Brauchen immer etwas Remmi-Demmi aber Dreck machen wir nicht und bleiben wollen wir auch nur eine Nacht.
Outdoor-Küche ist definitiv Hannos Metier: Zwei Kocher, großes Geschirr, alles nötige verpackt in faltbaren Kuntsstoff-Flaschen, entwässert, getrocknet oder als Pulver, dazu Pfannkuchen, Kaiserschmarrn oder Bratkartoffeln. Am zweiten Tag kaufe ich mir zumindest Plastik-Besteck, beschließe auf die große Tour doch Kochzeug mit zu nehmen und beschränke mich fortan darauf die abendlichen Getränke zu besorgen, von denen ich auch den Großteil wieder konsumiere.
Nächster Morgen, ich krabbel verspannt aus dem Zelt, Hanno ausgeruht aus seinem Hennessy Hammock. Okay ich bin neidisch und habe im Zelt noch nie gut gepennt. Das die Affen zum Pennen von den Bäumen gekommen sind, halte ich immer noch für einen großen Fehler und ganze Generation von Möbel Designern geben mir recht, wenn sie den Bettkasten doch wieder auf Stelzen stellen. Boden, da treiben sich Krabbelheimer, Spinnen und diverse andere Übelviecher rum, mit denen ich nicht besonders viel zu tun haben will und selbst wenn die einen in Ruhe lassen, schafft es doch immer irgend ein Stein sich unter meinem Schlafsack zu legen und mir die Nacht über den Rücken zu ramponieren.
Ja, die Hängematten Idee hat bei mir voll eingeschlagen, um so mehr als ich in den kommenden Nächten im zweiten Hammock von Hanno Probe pennen kann. Durch einen asymmetrischen Schnitt liegt man tatsächlich fast waagrecht, braucht doch kein Kopfkissen und ist sicher vor diversen Krabbelheimer und fliegenden Blutsaugern bis zur ausgewachsenen Vampirfledermaus. Einstieg durch einen Schlitz am Boden, man kann also nicht umkippen, Oben ein Moskitonetz und darüber noch ein Dach. Was braucht man mehr und wozu braucht man noch mal unbedingt ein Zelt?
Nächste Station das Museum zur “Battle of the Bulge”, nein nicht dem Computerspiel sondern der tatsächlichen Schlacht. Sieben Euro Eintritt und ein Haus voller Schaufensterpuppen in Uniformen aus dem zweiten Weltkrieg, Kriegsverbrechern oder Generäle in Öl und diverse alte Gefährte. Wirklich Sinn macht das für mich nur wenn sie hier einmal in der Woche einen Haufen Militaristischer Rentner in bunten Hosen und farbenfrohenen Polo-Shirts durch treiben. Wir beenden unseren Besuch zeitig, jedoch nicht ohne auf der Karte gezeigt zu bekommen, wo es ganz nett sein soll in Frankreich.
Dort übernimmt Mister Zumo die Regie. Er versucht es zumindest und ich bin mir immer noch nicht ganz darüber im klaren ob es mein Fummeln war oder die seltsame Logik des Navis, die uns immer wieder auf Abwege oder in riesigen Schleifen zum Ziel führt. Wenn es denn aber einmal klappt bin mehr als Begeistert. Auf der kürzesten Route führt uns der Zumo über Feld und Wirtschaftswege zwischen winzigen Dörfern durch und meistens auch ans Ziel.
Den Blick des Bauerns werde ich wohl so schnell auch nicht vergessen, als zwei bepackte KTMs, sportlich stehende Fahrer mit ordentlich Karacho zwischen zwei Scheunen durch auf einem kaum zu erkennenden Feldweg an ihm vorbei donnern. Nein les Allemans versuchen nicht mal wieder Paris im Sturm zu nehmen. Wir sind harmlos und das ist unser Freizeit-Vergnügen.
Bei einem der zahlreichen Navigationsstops mach ich einen Abflug als ich an einer Kreuzung halten will. Rollsplitt unter dem Vorderrad, schweres Gepäck und die Kiste liegt, bevor ich auch nur begriffen habe, das irgendwas nicht stimmt. Passiert ist weiter nichts, außer das die Gepäckkonstruktion ihre erste Sturzprobe und die Touratech-Boxen ein paar Kratzer bekommen.
Kaum zu glauben auch wie viele Kriegsgräber, Denkmäler und Friedhöfe wir – teils zufällig – finden. Nord-Frankreich und Belgien, hier haben schon zwei Weltkriege gewütet, unzählige liegen hier in ihren Gräbern und es wird über deutlich wie weit der Menschliche Wahnsinn gehen kann.
In Verdun machen wir unser persönliches Terra-Circa Erinnerungsfoto. Die Jungs sind hier auch durchgekommen, was die Stelle für uns zu so einer Art Schrein macht. Noch nie von Mondo Enduro oder Terra Circa gehört? Wer sich auch nur ein bisschen für Reisen mit der Enduro interessiert oder vielleicht “Long Way Round” genossen hat, sollte sich das unbedingt mal anschauen. Die Kerle sind der Real Deal. Suzuki DR350er, leichtes Gepäck, kein Sendewagen, Logistik-Team, Fixer oder Sekräterinnen und einmal rund um die Welt. Menschlicher Wahnsinn in seiner besten Form!
Der letzte Tag wird zur Ausdauerprobe. Geplant war gemütlich an der Mosel lang zu fahren und sich Mittags irgendwo bei Koblenz zu trennen. Es dauert relativ lange bis uns auffällt das die Mosel doch ziemlich viele Kehren und Kurven macht, bevor sie bei Koblenz in den Rhein fliest und auch die Abkürzungen machen nicht viel Sinn. Auf winzigen Wegen, karrt man in Serpentinen die steilen Hänge hinauf, bollert durch zwei Käffer und windet sich dann wieder runter. Spaß macht es zwar schon, schneller werden wir aber nicht.
Also rauf auf die Bundesstraße, jetzt ist Kilometerfressen angesagt. Für so ein leichtest und kleines Motorrad, hat die Käthe einen beeindruckenden Geradeauslauf und auch der Motor scheint sich zwischen 100 und 120km im sechsten Gang pudelwohl zu fühlen. Gebaut ist sie trotzdem nicht unbedingt für tagelanges Autobahn fahren. Irgendwann schneidet die steinharte Sitzbank sich in den Hintern, wie ein heißer Draht in Butterkäse, die Schulter und der Nacken schmerzen vom Winddruck und die Ohren drönen. Die Erfahrung gibt ein netten Ausblick auf die Anreise nach Rumänien. 1500km in drei Tagen und ich habe noch kein wirkliche Ahnung wie ich das ertragen soll…
Und welche Lehren ziehen wir aus der ersten Generalprobe?
- Die Reiseküche kommt unbedingt mit.
- Ich will einen Hennessy Hammock.
- Wen ich daran denke das dieses Mal noch diverse Sachen daheim geblieben sind, die eigentlich mit sollen, wird mir ganz anders.
- Irgendwo müssen noch Notebook und diverse Ladegeräte untergebracht werden.
- Die Touratech Alu-Koffer muss man nicht mögen, taugen tun sie aber.
- Irgendwie muss ich noch etwas an der Langstreckenbequemlichkeit tun, Airhawk oder Schaff-Fell?

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5 Antworten zu “Schotter, Gräber und Gepäck – Generalprobe in Frankreich”
Ergänzung zu “Und welche Lehren ziehen wir aus der ersten Generalprobe?”:
Es wäre eine gute Sache, bei der nächsten Tour ein Mobiltelefon mitzunehmen…
Das musste doch noch aufladen…
Drei Tage lang
Die Haengematte ist eine super Idee. Wenn ich Vickie dazu nur ueberreden koennte.
Lass sie einfach eine Nacht zur Probe schlafen, das überzeugt sofort!
Und wenn dir gerade dabei sind:
Da ich auf meinem Zweirad auch mit ein harten Sattel (http://www.specialized.com/us/en/bc/SBCEquipPopup.jsp?equipimage=/OA_MEDIA/equip/2726-1005_2728-1017_l.jpg&equipmodel=Toupe%20Saddle) zu kaempfen habe, hier zwei Tipps:
- Schnelle Erleichterung bringt das Aufstehen und Nachvornestrecken der “Leistengegend”. Ich mach das natuerlich auf einem Bein stehend. Da musst du schauen, was besser klappt. Ausserdem geht das bei hundert km/h wahrscheinlich schlecht.
- Dauerhafte Entspannung bringt … es ein paar mal auszuhalten. Nach einem Monat nicht auf dem bike, schmerzt es noch beim ersten mal und dann sind alle Nerven wieder frisch abgetoetet.
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