Dem einen oder anderen Leser meines Blogs ist vielleicht schon aufgefallen, dass ich durchaus etwas für Technik übrig habe. Auch beim anstehenden Projekt Balkan wurden somit viele Gedankengänge und einige wache Nächte auf die technische Umsetzung verwendet. So ein langfristiger Prozess geht selten ohne ein paar schmerzhafte Einblicke ins eigene Selbst von statten.

Mit solchen Einblicken verhält es sich ähnlich wie mit einem vereiterten Backenzahn. Es schmerzt, man stellt sich der unangenehmen Wahrheit, man sucht einen entschlossenen Mann mit großer Zange auf und das Leben geht – in leicht veränderter Form – weiter.

Mein vereiterter Backenzahn ist: Ich will einfach nur fahren!

Ich habe einen Freund, den ich im Rahmen dieses Artikels einfach mal N. nennen will. N. ist ein Schrauber. Wäre er mit Schraubenzieher statt Fingern und Rohrzangen statt Füßen zur Welt gekommen, sein Leben wäre wahrscheinlich eher besser als schlechter geworden. N.’s schrauberische Leidenschaft konzentriert sich seit einiger Zeit auf Motorräder. Vorher standen schon diverse Autos, ein russisches Quad von dem bis heute keiner genau weiß welcher post-sowietische Produktionsmolloch es ausgespuckt hat, Mofas, Mokicks und Moppeds auf dem Programm. Seit neusten zieren eine Güllepumpe und eine Kawa ZZR seinen Fuhrpark.

Zuweilen erinnern mich N.’s Fähigkeiten ans Übersinnliche. Er legt seinen Hand auf einen laufenden Motor und erkennt ob die Ventile nachgestellt werden müssen, in einen ausgebauten Vergaser wird reingeblasen, geschnüffelt und gehorcht und schon ist klar ob die Düsennadel die richtige Größe hat und wo der Spritfluss gehemmt ist. Er schafft sich keine Motorräder an, N. nimmt Patienten auf. Durch ein diskretes Hoftor rollen schwerkranke, hustende, sprotzende und leiernde Seelenverkäufer hinein. Heraus kommen gepflegte Neo-Klassiker und bollern, knattern oder tickern im Takt wie das Wiener Hoforchester.

Schaut N. auf ein Motorrad – so stelle ich es mir vor – sieht er nicht die äußere Form eines Gerätes auf das man seinen Hintern setzt und von A nach B fährt. N. sieht ein System aus vielen Teilen, die alle zusammen und im harmonischen Gleichklang zusammenarbeiten müssen, um aus Benzin Vortrieb zu erzeugen. Wird diese Harmonie gestört verursacht ihm dies physische Schmerzen, die ihn zur sofortigen Intervention drängen.

Ist er mit einem Projekt fertig, ist die Maschine erst perfekt eingestellt, läuft mit einem engelsgleichen Takt wie frisch aus der Fabrik, verfliegt der Reiz. Natürlich könnte man sich nun darauf setzen und fahren. Doch wozu? Läuft doch sowieso.

Ich? Ich bin anders. Diese Einsicht ist für mich durchaus mit gewissen Schmerzen verbunden. Kaum eine Menschengruppe respektiere ich mehr als die Schrauber. Niemand beeindruckt mich tiefer als ein Mann in Ölverschmierter Arbeitskleidung der mir Schraube für Schraube erklärt, wie er einen scheinbar rettungslos verlorenen Motor von einem Ölqualm furzenden Ungustl in ein sanft schnurrenden Triebling verwandelt hat.

Es ist auch nicht so als ob mir die Fahrzeugtechnik generell zu hoch wäre. Ich verstehe wie ein Vergaser – oder sogar einen Einspritzung – funktioniert. Ich weiß was Kolbenringe sind, was Lambda ist, wo die Kupplung sitzt, wie man eine Bremse entlüftet, was die Nockenwelle tut und wo sie überall sitzen kann, was man unter einer Königswelle versteht, wozu der Choke da ist oder was die Oktanzahl bedeutet.

Ich bin aber auch ein Theoretiker. So sehr mich diese Dinge auf einer abstrakten Ebene faszinieren, vor die Wahl gestellt zu Schrauben oder zu Fahren, werde ich mich immer und immer wieder für das Fahren entscheiden.

Auch wenn die Kiste qualmt, Diesel aus dem (Benzin-)Vergaser läuft oder gleich der Kolben aus dem Endtopf fliegt. Was ich will ist fahren. Konsequenterweise gehen meine schrauberischen Fähigkeiten auch gegen Null. Natürlich könnte man sagen, jemand, der schon beim ein schrauben einer Glühbirne einen Stromschlag bekommt, jemand der in seiner eigenen Wohnung nur mit Bauschmerzen Löcher in der Wände bohrt, aus (berechtigter) Angst das ganze Haus zum Einsturz zu bringen, es sich vielleicht mehrmals überlegen sollte ob er sein Motorrad selbst reparieren will.

Sollte, hätte, würde, könnte. Das Leben ist kein Ponyhof und den Konjunktiv konnte ich noch nie leiden. Irgendwo konnte man einmal in einen Leserbrief lesen: “Nach 25 Jahren Ehe schlage ich vor den Spruch ‘Dumm fickt gut’ in ‘Dumm fickt gar nicht’ zu ändern.”

Nach mehr als 25 Jahren “sollte, hätte, würde, könnte” schlage ich vor das Universum der unerfüllten Möglichkeiten endlich einmal zu vergessen und sich mit dem zu beschäftigen was ist und nicht was sein könnte. Natürlich müsste ich dann mit mir selbst anfangen und wer will das schon wirklich?

Statt dessen kaufte ich mir die Yamaha TTR, ein Motorrad an dem ich Schrauben könnte, wenn ich es müsste, falls ein Defekt auftreten sollte. Ungeachtet dessen, das meine Schrauberei mies ist.

Die Göttin der unerfüllten Möglichkeiten ist eine grausame Herrin und schlägt unbarmherzig genau an die Stellen, an denen es am meisten schmerzt. Das jemand Schrauben könnte, der schrauben kann ist sicher gut, falls man selbst dieser Jemand ist. Ich bin nicht dieser Jemand. Ich bin der Jemand, der neben dem schraubenden Jemand steht, auf seinen Fingernägeln kaut, mal eine große Zange anreicht, die 15er Nuss sucht und Kommentare abgibt wie “Das ist also die Kurbelwelle? Muss die so gebogen sein?” oder “Macht das was wenn ich jetzt auf den Knopf drücke?” oder “Kann ich damit jemals wieder fahren?”

Natürlich ist die TT ein relativ einfach aufgebautes Bike. Simple Elektrik, lange Wartungsintervalle, einfache Technik. Leider scheiterten meine Bemühungen schon früh an meiner praktischen Unfähigkeit. Das ich mir noch keinen Schraubenzieher durch irgendeinen Knochen gerammt habe, liegt auch weniger an meinem Geschick, als an der Kaugummiartigen Konsistenz meiner Schraubenzieher. Leider hat mir die TTR mittlerweile auch schon ein paar Sorgen gemacht. Periodisch läuft sie zu heiß, rätselhafte Ölpfützen tauchen unter ihr auf, seltsam klappernde Geräusche verschwinden, sobald man sie sucht, plötzlich ruckelts wenn man mal den Hahn aufdreht.

Alles Problem über die jeder, der sich auskennt, sagt: “Kein großes Ding”. Sicher. Alles kein großes Ding. Kann man machen. Das Problem ist nur; ich bin unfähig. Genau aus diesem Grund schlich sich in letzter Zeit bei praktisch jeder Fahrt mit der TT ein mulmiges Gefühl ein. Ich bin zwar relativ schmerzfrei dabei den ADAC zu belästigen aber spätestens in Bulgarien dürfte es damit auch eher schwierig werden.

Theoretisch ist es schon prima ein Motorrad zu fahren an dem man mit einem 15er Schlüssel und einem kräftigem Händedruck alles reparieren kann. Praktisch ist es aber – für mich – nichts sobald man die Theorie auch umsetzen muss. Ich will einfach nur fahren und der Gedanke an mögliche Reparaturen versaut mir die Linie. Anders als mein Freund N. ist ein Motorrad für mich genau die äußere Form des Gesamtsystems oder eine Maschine um mich unter größtmöglicher Spaßerzeugung durch die Gegend zu transportieren.

Dieser Zwiespalt in meinem Inneren machte mir durchaus zu schaffen. Theoretisch will ich bis zur Unterlippe im Motorenöl baden, das Getriebe im Schlaf zusammensetzen und die Qualität der Verbrennung am Abgas erschnüffeln. Praktisch haue ich mir mit dem Hammer öfter auf die Daumen als auf jeden Nagel, habe nach fünf Minuten Schraubenzieher halten mehr Schrammen als Haut auf den Fingern und bekomme Schweißausbrüche wenn ich nur glaube das irgendwann irgendwas kaputt gehen könnte, irgendwie.

Was also tun?

Die kurze Story: Vor ein paar Tagen erwachte ich des Morgens – an und für sich schon ungewöhnlich – eine göttliche Vohersehung trieb mich an den Computer und lies mich den Browser öffnen und da war sie. Engelstrompeten, Himmelschor und ein güldenes Leuchten auf dem Monitor. Boxen aus und Rollo runter, Leuchten und Himmelschor sind weg aber sie ist noch da. Ich nenne sie Käthe Balkan.

IMG_3137

Die längere Story: Vor kurzem hatte ich Gelegenheit eine KTM 690 Enduro zu pilotieren und mich fast in die Karre verliebt, überall wo die TT aufhört, legt die KTM noch eine Schippe nach und das beste: KTM bietet eine Garantie auf zwei Jahre und unbegrenzte Kilometer. Ja, für eine Enduro.

Trotzdem gab es genug zu hadern. Zunächst mal der Preis, dann der Preis und zum Schluss noch der Preis für all die notwendigen Accessoires. Doch dann stieß ich durch Zufall auf eine kaum gebrauchte R mit all dem Zubehör das ich gebraucht, aber nie im Leben gekauft hätte und dann übernahm das Unterbewusstsein die Kontrolle…

Verschleißteile wechsle ich dann aber selbst!

Social Bookmarks:
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • StumbleUpon
  • Technorati

2 Antworten zu “Ich will doch einfach nur fahren oder “buebo.de präsentiert Käthe Balkan” oder das neue Mopped (schon wieder)”

ulli schrieb einen Kommentar aktiv Juli 12, 2009

herrlich, du schreibst einfach schön. bin auch käthefan, aber nur mitfahrend. man bekommt vielleicht eher selten ein feedback auf geschriebenes, mir gefällts. es ist nicht so bierernst wie andere texte…die nötige portion humor und leichtigkeit.
viel spaß euch beiden, käthe und dir…nutzt den sommer.

miou

buebo schrieb einen Kommentar aktiv Juli 18, 2009

Danke für die Blumen!

Ich freue mich übrigens über jeden Kommentar, denn gehört man nicht zu den Blogger Ikonen, fühlt man sich wirklich fast wie der einsame Rufer in der Wüste :)

Lust zu kommentieren?