Fahrbericht KTM 690 Enduro

buebo | Mai 27, 2009 23:41

Ich habe es geschafft für zwei Tage die neue KTM 690 in der Enduroversion zu ergattern und um das wichtigste gleich vornweg zu sagen: Ich bin begeistert! Das Dinge fährt sich wie ein Mountainbike mit Raketenantrieb und macht in allen Lebenslagen einfach nur Spaß.

Die längere Version gibt es hier:

Der erste Eindruck ist durchwachsen im positiven Sinne. Eigentlich hatte ich mir unter der neuen von KTM ein knallharten Offroadknaller vorgestellt, baumhoch und ohne irgendwelche Kompromisse. Statt dessen steht vor mir ein zierliches Motorrad, das auf den ersten Blick mehr nach 125ccm als noch Sechshunderter aussieht. Ein Eindruck der sich bei der ersten Sitzprobe verstärkt. Ich gehöre nicht zu denen der Kopf schon anatomisch bedingt immer in den Wolken steckt, oder anders ausgedrückt: Ich bin für meine 1,75 recht klein und zudem auch noch mit eher kurzen Beinen ausgestattet.

Auf der neuen KTM passt meine Größe dagegen gut. Überhaupt passt sie – zumindest für mich – ergonomisch wie selbst gestrickt, die Extremitäten fallen direkt und ohne bewusstes Nachdenken auf die Bedienelemente und auch alle Schalter sind am richtigen Fleck. Für Großgewachsene dagegen dürfte vor allem das Dreieck aus Fußrasten, Lenker und Sitzbank zu klein ausfallen und auch die Fahrposition im Stehen etwas an Quasimodo erinnern.

Schlanke Linie

Schlanke Linie

Die Sitzbank allerdings könnte ebenfalls ein Problem darstellen. Sie ist hart wie das Leben selbst. Das die Mattinghoffener Ingenieure nicht einfach eine Holzplanke verbaut haben ist wohl nur den hohen Rohstoffpreisen geschuldet. Persönlich bin ich mit ihr trotzdem gut zurecht gekommen. Ich bin nämlich nicht nur klein, sondern auch schwer. Die meisten Motorrad-Sitzbänke habe ich deshalb innerhalb von einer halben Stunde soweit komprimiert, dass ich letzten Endes auf der Plastikschale sitze, was viel unangenehmer ist als eine harte Sitzbank. Insofern auch an dieser Stelle Daumen hoch nach Österreich.

Noch kurz die Kontrollen erklärt bekommen (alles wie überall anders auch – ist ja keine BMW) und los gehts in den Frankfurter Stadtverkehr. Hier macht der Einzylinder eine gute Figur, solange man sich bewusst macht, das man hier tatsächlich auf einem Einzylinder unterwegs ist. Unter 3000 Umdrehungen ruckelt er etwas unwillig an der Kette herum, darüber gehts aber plötzlich extrem zügig vorran. Ich bin einmal die alte LC4 zur Probe gefahren. Meinen Zahnarzt hat es gefreut, dannach waren direkt ein paar Plomben raus. Der neue KTM-Triebling macht dagegen eine gute Figur. Natürlich vibriert die Fuhre, in manchen Drehzahlregionen mehr, in manchen weniger, aber für einen Eintopf würde ich den Motorlauf als erstaunlich rund bezeichnen.

Der serienmäßige Auspuff gibt einen recht dezenten Geräuschpegel von sich, mit dem sich wahrscheinlich auch die Nachbarn anfreunden können. Beim Stop-and-Go fällt besonders die sehr leichtgängige Kupplung auf. Die Österreicher haben eine Anti-Hopping Kupplung verbaut, deren technische Details mir so bekannt sind wie die geheimen Zombie-Rituale auf Haiti. An dieser Stelle genügt zu sagen das durch eine wirksame Tinktur aus Jungfräulichem Menstruationsblut, Ziegengedärm und Krötenwarzen, zubereitet in der dunkelsten Stunde des Neumondes, die zum Kuppeln notwendige Handkraft dramatisch sinkt und sich der Hebel fast schon durch bloses schief anschauen betätigen lässt.

Schneller Kaffee.jpg

Schnell noch ein Latte - Blick vom Tisch

Wir sind im Taunus und hier fängt der Spaß richtig an, vor allem im Berreich über viertausend Touren. Der Eintopf zerrt an seiner Kette wie ein tollwütiger Bluthund und dreht begierig bis in den Begrenzer. Wheelies im ersten und zweiten Gang sind kein Problem, ausser man steht an der Ampel und versucht noch vor der tiefergelegten Kasperbude mit Kirmesmusik weg zu kommen. Das klappt zwar, verlangt allerdings volle Kontrolle über den Schließmuskel wenn die Kiste plötzlich vorne hoch steigt und das Spiel auch im zweiten Gang wiederholt.

Auch das Fahrwerk macht alle meine Späße mit, wobei es für eine Enduro recht straff abgestimmt scheint, dafür kommt in engen Kurven und Kehren echtes Supermoto-Feeling auf. Dank des Hecktanks lässt es sich nach vorne rutschen bis man fast auf dem Lenker hockt und durch die Kurven zirkeln wie auf Schienen und auch die montierten Enduro 3 kündigen ihren Grenzberreich recht gutmütig an. Rein subjektiv bin ich so flotter unterwegs als mit größeren Bikes und der doppelten Leistung.  So ganz werde ich den Verdacht nicht los das KTM mit der 690 Enduro tatsächlich eine grandiose Straßenmaschine gebaut hat, man fühlt sich etwas wie auf einem Rakten betriebenen Fahrrad.

Leider konnte ich die Fahrbarkeit im Gelände nicht wirklich austesten. Irgendwann stand ich vor einem Feldweg. Vor mir ein Schild “Durchfahrt Verboten – Anlieger Frei”. Ich habe ein Anliegen: Feldwege fahren, also darf ich durch. Auch hier klappt alles erwartungsgemäß prima. Ich drehe eine zweite Runde im stehen, versuche mich an mein Endurotraining zu erinnern, gebe versuchsweise Gas und merke wie das Hinterrad ein kleines Tänzchen macht. Vermutlich aus Freude. Wie schon anfangs geschrieben: Die Geometrie passt! (Zumindest für mich)

Gute Figur auf Feldweg.jpg

Gute Figur auch auf dem Feldweg - Wen wunderts?

Am zweiten Tag meines KTM Exkurses fällt mir ein mal auf das Treffen des Horizons Unlimited Bulletin Board (oder HUBB) zu fahren, das gerade im Odenwald irgendwo in der Nähe von Heppenheim statt findet. Hanno – den ich bis jetzt nur übers Internet kenne – treibt sich dort auch irgendwo rum und ausserdem ist die Gelegenheit ideal zu probieren wie es sich mit der Österreicherin leben lässt, wenn man wirklich mal von “A” nach “B” (und dabei nicht über “C”, “D”, “X”, “Ä” und alle Kurven, Serpentinen und Trampelpfade dazwischen) fahren muss.

Also rauf auf die Bahn und den Hahn aufgedreht. Okay, die Kiste vibriert schon etwas. Ganz subjektiv pendelt sich meine Wohlfühlgeschwindigkeit bei undgefähr 120 km/h ein, dabei liegen ungefähr 5000 Touren an. Darüber vibriert es für meinen Geschmack doch etwas arg. Überhaupt mag das Drehzahlnivau der KTM im Vergleich zu anderen Einzylinder relativ hoch erscheinen, wahrscheinlich ein Hinweis auf die sportliche Orientierung der Österreicher. Für meine Gefühlslage wird die Leistung allerdings auch souverrän präsentiert, niemals wirkt der Triebling überanstrengt. Statt dessen wird immer noch eine Schippe nachgelegt bis deutlich in den roten Berreich hinein.

Irgendwann geht auf dem Hinweg die Welt unter und sinnflutartige Regenfälle überschwemmen die Autobahn und lassen meine Taschen voll laufen, was einerseits meinem Handy den Gar aus macht und andererseits meine Anfahrtsbeschreibung in einen kleinen, grauen Klumpen Papp-Machee verwandelt. Als ich dann endlich ankomme muss ich fast schon wieder weg, was ich natürlich nicht mache, mit dem Ergebniss, dass ich es auf dem Rückweg dann doch ein bisschen eiliger habe.

Das die Enduro sich zu einer beachtlichen Höchstgeschwindigkeit von 174km/h aufschwingt, halte ich schon für recht bemerkenswert, als wirklich sensationell empfinde ich allerdings den phänomenalen Geradeauslauf. Ich hätte niemals geglaubt das ein so leichtes Motorrad (fahrfertig um die 150kg) derartig stabil auf der Straße liegen kann. Ein Lenkungsdämpfer war übrigens nicht verbaut. :)

Kleiner Abstecher.jpg

Abkürzung im Odenwald

Nach all der Lobhudelei gibt es aber doch noch ein paar Mankos, die ich nicht verschweigen kann. Besonders stört mich die etwas ungeschickte Platzierung des Tankdeckels. Die Idee einen Hecktank zu verbauen ist gut, während aber z.B. BMW einen seitlichen Einfüllstutzen anbaut, sitzt der bei KTM direkt in der Mitte, hinter der Sitzbank, also dort wo jeder normale Mensch ganz zu erst Gepäck festschnallen würde. Mir ist schon klar das es hier um eine sportliche Enduro gehen soll, aber so ein bisschen mehr Rücksicht auf den Alltagsgebrauch hätte ich mir an der Stelle doch gewünscht, zumal die Enduro eigentlich ein geniales Alltagsmotorrad abgeben würde. Kräftiger Motor, leicht, günstiger Verbrauch (4-5 Liter/100km bei meinem nicht repräsentativen Test), straffes aber gutmütiges Fahrwerk, leichtgängige Bedienelemte.

Aber eigentlich wollte ich meckern: Liebe Leute von KTM, was habt ihr euch eigentlich beim Tankdeckel gedacht? Ihr bringt Superbikes auf den Markt, fahrt bei der Rally Dakar allen davon aber einen Tankdeckel bekommt ihr nicht hin? Mal abgesehen von der etwas bescheuerten Position (die ja noch als ‘modisch’ durchgehen mag), beim ersten Tanken hatte ich ernsthaft Angst den Schlüssel abzubrechen, so schwergängig war das Teil. Im Internet kursieren teils irgendwelche Anleitung um das Plastik zurecht zu feilen und es wird sich um das richtige Schmiermittel gestritten um das Ding doch irgendwie geschmeidig zu halten. Liebe Leute von KTM, das kann doch nicht euer Ernst sein?

Detailverliebt.jpg

Detailverliebt: Wiso konnte derjenige, der auf die Idee kam die Drehmomente einzugravieren sich nicht auch mal mit Tacho und Tankdeckel beschäftigen?

Beim Tacho scheint ebenso ein Wurm drin zu sein. Nach allem was ich in Erfahrung bringen konnte gehen die Teile einfach alle kaputt. Anscheinend handelt es sich um eine chemische Reaktion die einen weissen Film auf der Digitalanzeige erzeugt. Worum es sich genau handelt weiss wohl bisher keiner so genau, aber zumindest tauscht KTM die betroffenen Exemplare anstandslos auf Garantiebasis aus, des öfteren wohl auch mehrmals.

Der Weg zum Freundlichen steht – will man die Garantie erhalten – alle 5000km an, wobei jedes zweite Mal die Ventile gecheckt werden. Selber schrauben sollte auch ohne größere Probleme möglich sein, allerdings verlangt es dem Eintopf nach dem etwas speziellen 10W-60 (bisher nur von Motorex erhältlich)

Für das Gesamtpaket fallen diese Macken allerdings für mich kaum ins Gewicht. Wenn man wirklich hinten Gepäck unterbringen will, gibt es von Touratech einen Träger und ich gehe stark davon aus das auch für den Tachoschimmel bald eine Lösung kommen dürfte. Den erwähnten Kritikpunkten steht ein ansonsten rundes Gesammtpaket gegenüber. Das Fahrwerk ist exzellent, die Ergonomie passt, die Verarbeitunge macht einen guten Eindruck (bis auf die erwähnten Mängel) und KTM hält die Flagge für ein Konzept hoch, das anscheinend ausstirbt, oder wo sind all die anderen alltagstauglichen, leichten Einzylinder Enduros?

Wäre ich auf der Suche nach einem Projekt-Balkan Bike, die KTM könnte es werden. Irgendwie bin ich eigentlich auch auf der Suche. Irgendwie aber auch nicht. Irgendwie sollte ich das wohl im nächsten Artikel behandeln.

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7 Antworten zu “Fahrbericht KTM 690 Enduro”

Talk me out of a new(ish) KTM 690 - Page 2 - The HUBB schickte einen Pingback aktiv Mai 28, 2009

[...] postet a somewhat more extensive review of the bike on my blog (in german): Fahrbericht KTM 690 Enduro | buebo.de Before starting on the BIG TRIP (capital letters intended) I’ll probably do something smaller, [...]

Lars S. schrieb einen Kommentar aktiv Juni 14, 2009

Woher ist denn dieses Dekor von der 690, hab im Internet nichts dazu gefunden (auch dierekt bei KTM)? MfG

buebo schrieb einen Kommentar aktiv Juni 14, 2009

Kann ich gar nicht genau sagen. Das Motorrad stammte allerdings vom KTM Händler in Frankfurt, im vielleicht einfach mal anrufen und nachfragen?

Es stand irgendwas von Factory Racing drauf, falls dir das weiterhilft. Ich kann auch noch einmal meine Bilder durchforsten und schauen ob ich irgendwas finde.

Ich schrieb einen Kommentar aktiv August 4, 2009

Frage:
Ist das Gerät auch wirklich langstrecken und transport tauglich für den urlaub in den süden oder so ?

buebo schrieb einen Kommentar aktiv August 4, 2009

Hallo,
ich bin zur Zeit mit der Enduro 690 in Rumänien, auf dem Weg Richtung Istanbul.

Genaueres gibt es noch einmal ausführlicher sobald ich zurück bin, aber soweit kann ich schon mal folgendes sagen:

Anfahrt waren fast 1600km, fast komplett Autobahn. Ölverbrauch nicht merklich, bequem war es zwar nicht, aber mit Airhawk und Radlerhose machbar.

Vom Vorbesitzer sind die Touratech Zega (nicht Pro) montiert. Das funktioniert soweit ganz gut und hat auch schon diverse miese Straßen und Umfaller überstanden.

Oben auf die Boxen habe ich das Camping-Zeug geschnallt. Beachten muss man das der Tankdeckel hinten in der Mitte ist. Legt man eine Rolle quer rüber, muss man sie zum Tanken jedes mal wieder Abschnallen.

Den Tank finde ich mittlerweile etwas klein. Ich komme auf knapp 200km bis die Lampe angeht. Hat bis jetzt immer gereicht, aber zum entspannten Reisen würde ich noch den größeren Tank anschaffen.

Soweit bin ich sehr zufrieden mit der Käthe und würde sie schon als Reisetauglich bezeichnen. Sobald ich aus der Garantie raus bin, würde ich die Ölwechsel dann auch selbst machen, dann müsste man auch nur noch alle 10tkm zum Dealer (Ventile einstellen).

Sebastian schrieb einen Kommentar aktiv Oktober 14, 2009

Cooler Fahrbericht, hat wirklich Spaß gemacht ihn zu lesen ;-)

X200 schrieb einen Kommentar aktiv Oktober 15, 2009

Guter Bericht schön geschrieben. Mehr davon.

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