The rocky road to Hoope oder auf zum WinTTertreffen Teil Eins
buebo | März 5, 2009 23:20Die Idee war eigentlich schon von Anfang an bescheuert, aber nichts hat mehr Kraft als eine blöde Idee, oder mal von Anfang an und ganz einfach:
- Ich habe mir eine Yamaha TTR gekauft.
- Es gibt ein Forum, das sich exklusiv der Yamaha TT widmet.
- Dieses Forum veranstaltet diverse Treffen.
- Ich wollte mitmachen.
Nun haben wir in Deutschland eine Institution die jedes Jahr wieder aufs Neue zuschlägt. Obwohl sie alljährlich Sachschäden anrichtet, Menschen in Depressionen stürzt und auch sonst wenig Gutes zur deutschen Lebensqualität beiträgt, hat sich noch keine politische Partei und auch keine wahrnehmbare Bürgerbewegung ernsthaft um ihre Abschaffung bemüht. Mittlerweile kann man sie sogar als technisch überholt betrachten.
Die Rede ist natürlich vom Winter, an dem – zumindest dieses Jahr und besonders Ende Februar – auch die globale Erwärmung nicht viel geändert zu haben scheint. Mit anderen Worten es war halt saukalt.
Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen sollte dann dieses Jahr das sogenannte WinTTertreffen stattfinden, als Veranstaltungsort war der Hoope Park in der Nähe von Bremen geplant. Nichts ist besser als eine blöde Idee, also wollte ich natürlich mitmachen. Zumal es auch eine gute Gelegenheit darstellen sollte die TT endlich Offroad zu testen.
Anmerkung der Redaktion: Wer sich bei langen und langwierigen technischen Beschreibungen, ausführlichem Gemotze und ausgedehnter Selbstbeweihräucherung langweilt, kann hier aufhören zu lesen.
Das alles beschloss ich irgendwann so rund um Weinachten, die TT in der Garage eingelagert und seit dem Kauf erstmal still gelegt. Die Zeit kam näher, mein Blut aber nicht in Wallung. In meinem Genen sind ein paar ganz alte Evolutions-Spuren erhalten, älter noch als die erste Säugetiere, weshalb ich besonders morgens früh oder im tiefen Winter gerne reptilische Wesenszüge auslebe und mich geistig und physisch im Tempo einer kalten Riesenechse bewege.
Im Laufe des Winters verwandelte sich das Wörtchen ‘morgen’ (z.B. in “Da mache ich mich morgen direkt dran!”) von einem Punkt auf dem Zeitstrahl zu einem scheinbar unendlichen Kontinuum. Kurz darauf war es fünf vor zwölf, oder fasst zu spät oder auch allerhöchste Eisenbahn.
Eigentlich hätte alles ganz einfach sein können: Frische Cross-Reifen besorgt, Räder gewechselt und schon fertig. Doch es sollte nicht sein. Statt dessen war Verwunderung angesagt. Die genaue Geschichte ist zu lang, kompliziert und mit eigener Blödheit durchsetzt um sie hier zu erzählen.
Um es kurz zu machen: Die Auspuffkrümmer glühten. Die TT ist vom Motor her eigentlich ein recht ziviles Gerät und nicht unbedingt auf knallharten Sport und Spitzenleistung ausgelegt, von daher verwundert es einigermaßen wenn einen 30 Sekunden nach dem Ankicken der Auspuff tief rot an leuchtet, ein Phänomen das eigentlich nur bei hoch gezüchteten Wettbewerbsenduros nach einem Teufelsritt über des Messers Schneide auftritt.
Zum Glück war gerade Kapes aus dem TTR Forum dabei, sonst hätte wahrscheinlich lange überlegen müssen ob ich mir nun in die Hose mache, fluchtartig den Raum verlasse oder die Götter um Gnade anfleht. So holte ich nur tief Luft, hielt meine Klappe und machte stumm ein bisschen von allem, während er in der Situation das einzig richtige tat: Motor aufreißen und Fotos machen.
Sein anschließender Rat: Ventile nach schauen und ggf. Vergaser ausbauen. Wenn die Karre zu heiß läuft bedeutet das meistens das sie zu mager eingestellt ist, der Motor also zu viel Luft und zu wenig Benzin bekommt.
Kurz bevor ich eigentlich auf dem WinTTertreffen durchs norddeutsche Tiefland knattern wollte, gab es also noch eine technische Bewährungsprobe zu bestehen. Glücklicherweise wird meine Unerschrockenheit nur noch von meiner Fähigkeit übertroffen Dinge unwiederbringlich kaputt zu machen. Ich gehöre zu den wenigen Menschen, die es schon geschafft haben, innerhalb von knapp 36 Stunden drei Rückspiegel abzureissen, beim letzten Versuch eine Gardine aufzuhängen sind plötzlich faustgroße Löcher in der Decke aufgetaucht, während der Bohrer kurz davor war sich durch den Rollladen und dann das Dach zu fressen. Wären Rohre und Leitungen in meiner Wohnung nicht mit mehr Krümmungen als ein Eimer voll Regenwürmern verlegt, hätte ich sie wahrscheinlich schon alle einmal durch gebohrt. Das sind aber alles andere Geschichten.
Um die Sache kurz zu machen: Auf TT600r.de findet sich ein ausgesprochen gutes Howto zum Ventile einstellen bei der TTR. Es beginnt (so ganz am Anfang) damit den Plastikdeckel der Kurbelwelle mittels eines 50c-Stück raus zu drehen. An dieser Stelle scheitere ich. Ich probiere es erneut. Ich scheitere erneut. Ich überlege wo ich Benzin und Streichhölzer versteckt habe. Es ist zwei Tage vor dem Treffen, am Motorrad gibt es monumentale Aufgaben zu erledigen, ich scheitere am ersten Kunststoffdeckel. Ein leichtes Gefühl von beginnenden Stress stellt sich ein.
Vielleicht bin ich einfach im falschen Zeitalter geboren. Ich hätte doch bestimmt einen guten Naturdung-Händler abgegeben, damals, in einer Zeit in der das Naturdung-Business noch etwas für ausgefuchtse Schlitzohren war, ausgebuffte Kapitalisten mit Sinn für dreckiges Geld und unverschämte Rendite. Ich hätte mir die Monopostellung auf Pferdeäpfel und menschliche Exkremente gesichert (nichts düngt besser). Eine Arme meiner Scheisse-Schergen wäre jeden Morgen ausgeschwärmt und hätte die Kacke der ganzen Stadt gesammelt um sie dannach an die Bauern zu verkaufen. Ich hätte aus Scheiße Geld gemacht und mich durch meinen Reichtum in den höchsten Gesellschaftsschichten eingekauft, hätte die Tochter des Königs geheiratet und den Papst eine Audienz gewährt, aber nur nach langen Zögern und an einem Tag mit nichts besserem zu tun.
Statt dessen stehe ich an einem eisigen Wintermorgen im beginnenden Schneefall, ein verbogenes 50 Cent Stück in der Hand auf der Straße und starre auf einen bald komplett aus gefrästen Plastikdeckel. Ich probiere es mit Gewalt und einem 2-Euro Stück. Lustig wellt sich das Plastik, aus einer Schlitz wird eine Furche, eine Grube, ein Krater und irgendwann macht es Pling! und die Mitte des Geldstücks liegt auf dem Boden.
Okay, es ist Zeit die Strategie zu überdenken…

WD-40: Die Lösung aller Probleme (Quelle: WD-40.de)
Die Lösung heisst WD-40. Abseits von (vielleicht) dem Welthunger-Problem, kann man damit wahrscheinlich so ziemlich jedes Problem auf der Welt lösen. Ich bin großer WD-40 Fan. Neben Kabelbindern, Panzertape und Draht ist WD-40 wahrscheinlich eines der besten Dinge überhaupt! Ein durch und durch faszinierendes Zeug.
Allein schon die Kriechfähigkeit! Das Zeug ist irgendwann überall. Ich bin überzeugt wenn ich eine Pfütze im Hausflur machen würde, dauert es nicht lange und das WD-40 ist zwei Stockwerke nach oben gekrochen und liegt schnarchend neben meiner Freundin im Bet, wenn es nicht grade die Sportschau schaut oder mein Bier trinkt.
Heute hat es aber andere Aufgaben und siehe da: Kaum habe ich den Deckel der Kurbelwelle mit ungefähr einer halben Dose eingeweicht, brauche ich ihn nur schräg anschauen und schon ergibt er sich. Viel mehr Kraft als schräg anschauen hätte das ramponierte Plastik wohl auch kaum mehr übertragen…
Natürlich geht es dann auf die gleiche Art und Weise weiter. Anders als bei ‘modernen’ Moppeds, an denen die Ventile mit Shims (tolle Bezeichnung für Unterleg-Scheiben) eingestellt werden sind sie bei der TTR geschraubt, was sogar solchen Vollidioten wie mir Ambitionen ein haucht das selbst zu machen. Dabei wird das das Ventilspiel mit einer Vierkantschraube eingestellt, die dann mit einer Mutter gekontert wird. Für den Vierkant gibt es einen speziellen Aufsatz, der sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Postweg zu mir befand oder in praktisch unerreichbarer Ferne. Also hieß es Wurstfinger reinzwängen und per Hand drehen. Eine wunderbare Gelegenheit sich die Extremitäten zu klemmen, aufzureißen und zu stoßen, die ich natürlich ausgiebig ausgenutzt habe.

Rein mit den Wurstfingern! (Quelle: TT600R.de)
Beim ersten Testlauf fällt aber schon mal auf das sich die thermischen Probleme gebessert haben. Vorher sah der Krümmer aus als ob er gleich schmelzen würde, mittlerweile sieht man ihn nur noch ganz leicht leuchten, eigentlich fast romantisch.
Dafür steigt aber die Öltemperatur immer noch zu stark an, was letztlich dafür spricht sich die Vergaser noch mal genauer anzuschauen. Es kann auch vorkommen das die Gummis rund um die Vergaser (Fachbegriff: Ansaugschnuddel) spröde werden und dadurch ‘Falschluft’ mit verbrannt wird, was letztlich auch zu einer zu heißen Verbrennung führt.
Das lässt sich aber nicht auf Anhieb und im leichten Schneefall vor meiner Garage klären. Ich könnte natürlich einer der Rentner fragen, die von Zeit zu Zeit stehen bleiben und mir bei der Arbeit zu schauen, entscheide mich aber dann doch dazu es für heute gut sein zu lassen und mich am nächsten Tag darum zu kümmern…
Der nächste Tag ist dann auch schon ein Tag vor der Abfahrt zum WinTTertreffen. Der Plan ist morgens mal schnell Ölwechsel zu machen und die Geländeräder einzubauen, nachmittags bei der Zulassung vorbei, die Karre vorführen, mir die Plaketten aufkleben lassen und dann rüber zu Kapes und die Maschine auf den Hänger laden, so dass wir morgens direkt los können.
Ich bin ja dafür bekannt durchaus mal mit der heißen Nadel zu stricken oder Dinge auf den letzten Drücker zu erledigen, aber an dem Morgen habe ich es durchaus etwas übertrieben. Den genauen Ablauf kann ich leider nicht mehr rekonstruieren, irgendwann kam noch mal Kumpel N. vorbei um mir beim Radwechsel zu helfen, da unser Heber Marke Eigenbau noch nicht wirklich funktioniere wie er sollte. Letzten endes haben wir dann fast alles zusammen erledigt und ich habe heute noch einen wunderschönen Ölfleck vor der Tür der mich noch lange an diesen Morgen erinnern wird… (100% meine Schuld, nicht seine)
Dafür spielt das Wetter mit, nur leider auf der Gegenseite. Jedes mal wenn einer von uns ein Werkzeug in die Hand nimmt, fängt es an zu schneien oder zu regnen und wird kälter. Kaum ist man mit irgendwas fertig wird es wieder warm und man kann sich Hoffnung machen, die dann prompt durch neuen Schneefall zerstört werden.
Irgendwann war dann auch diese Schrauberei beendet, ich um ein paar Billigschraubenschlüssel ärmern, einige Erfahrungen und Eindrücke reicher und schwer im Zeitstress. Nach meiner Rechnung hätte ich vor zehn Minuten schon zur Zulassung aufbrechen müssen, statt dessen stehe ich auf dem Bock und Kicke als hätte ich den leibhaftigen im Bein, trotzdem gibt der Motor allenfalls mal ein müdes, furzartig anmutendes Geräusch von sich. Wenn überhaupt. Ich kicke weiter bis mir auffällt das tatsächlich kein Sprit mehr im Tank ist.
Das ist mir an dem Nachmittag ganz ganz ehrlich zum allerallerersten Mal passiert. Normalerweise bin ich ein großer Spritparanoiker und mit dem Motorrad schon immer Tanken noch weit vor der Reserve. Dieses Mal muss ich es einfach wirklich verschwitzt haben…
Meine nächste Erinnerung ist starkes Unbehagen. Das ist mein erstes Geländemotorrad und bisher habe ich noch keine eigenen Erfahrungen mit Geländereifen auf der Strasse. Lieber Leser: Stell dich vor den nächsten Spiegel, streck die Zunge aus dem Mund so weit du kannst. So groß ist ungefähr die Fläche auf der ein guter Straßenreifen die Strasse berührt. Auf dieser Fläche werden alle Kräfte übertragen, Vollbremsungen, scharfe Kurven, alles. Heutige Reifen sind gut. Die können sehr viele Kräfte auf einer kleinen Fläche übertragen. Irgendwann ist aber Schluss.
Nun zerteile deine Zunge in zehn Teile (ein Gedankenexperiment reicht an dieser Stelle). Neun kannst du entsorgen. Schau dir das zehnte genau an. So viel Auflagefläche ist noch übrig wenn du mit einem richtigen Stollenreifen unterwegs bist. Wie viel schneller ist hier wohl Schluss?
Verdammt viel schneller. Mit meinem neuen Stonemaster lege ich direkt auf der Autobahn Auffahrt schon mal einen wunderschönen Drift hin, nicht der letzte dieses Tages. Den Rest der Fahrt kämpfen mein Sinn für Eile und meine Todesangst ein seltsames Ringen miteinander. Hinter einem Laster auf der rechten Spur schere ich reflexartig aus, weil ich habe es ja eilig. Kaum auf der Mittelspur angekommen wird jedes kleine Vibrieren, jedes Wackeln und jeder Windstoß von überholenden Autos zum eindeutigen Wegrutschen eines der Räder und alles was ich will ist gemütlich hinter einem Lastwagen her tuckern.
Oh Jesus, komme ich überhaupt an? Kurz vor der Ausfahrt überfahre ich eine Bodenwelle, komme ins Schlenkern und verreisse in der plötzlich einsetzenden Panik fast den Lenker. Zeit tief durch zu atmen und es langsam angehen zu lassen. Das mein Tacho nicht funktioniert, ein Spiegel ab und der andere verstellt ist, verleiht der Fahrt eine fast surreale Qualität; ich habe keine Ahnung wie schnell ich eigentlich fahre, was hinter mir vorgeht und kann jeden Moment den Abflug machen. Dafür kann ich im Spiegel prima einen Vogelschwarm am jetzt wieder strahlenden Himmel beobachten.
Zulassung ich komme!
Und zwar gerade eben noch rechtzeitig und auf der letzten Rille.
Tags: Motorrad,Tech,Unterwegs,Yamaha TTR
Kategorien: Motorrad und Drumherum
2 Kommentare »














2 Antworten zu “The rocky road to Hoope oder auf zum WinTTertreffen Teil Eins”
Wunderbar zu lesen.
Hast du die Zulassung denn bekommen, hat sich der Aufwand gelohnt?
Gruß,
Marc
Haha, letzten Endes hat sich der ganze Aufwand als ziemlich überflüssig erwiesen – zumindest im Hinblick auf die Zulassung.
Das die Blinker in der Eile über Kreuz angeschlossen waren, dafür aber Fern und Abblendlicht gar nicht, hat den guten Mann nicht mal interessiert. Alles was der sehen wollte war die Nummer am Rahmen
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