Drei Tage in Yangon
buebo | September 2, 2007 14:27Wieder mal so ein frueher Air Asia Flug. Ich weiss nicht woran es liegt, aber scheinbar starten Fluege frueher, je guenstiger sie sind. Air Asia ist so ziemlich die guenstigste Flug-Gesellschaft in Thailand also quaele ich mich um halb fuenf Uhr morgens in Bangkok aus dem Bett um nach Yangoon zu fliegen, komme trotzdem noch fast zu spaet und muss schliesslich im Schweinsgallop durch den Flughafen traben. Zum Schluss warte ich natuerlich doch wieder dreissig Minuten vor dem Gate auf den verspaeteten Flug.
Eigentlich sollte ja alles ganz anders laufen. Eigentlich wollte ich ueber Land nach Myanmar reisen. Die Physischen Strapazen des durchschnittlichen Ueberland-Trips in Sued-Ost Asien koennen einen in genau die richtige Stimmung versetzen um ein neues Land kennen zu lernen. Doch kurz vor der Grenze bemerke ich das mir jemand meine Traveller Cheques geklaut hat. Ich frage mich kurz wer daemlich genug ist Traveller Cheques zu klauen, aber 100 Euro in Bar liegen zu lassen. Nun muss ich jedoch nach Bangkok zurueck um neue Cheques abzuholen und will nicht wieder zurueck nach Nord-Thailand. Also sitze ich nun halb im Wachkoma im morgendlichen Air Asia Flug nah Yangoon.
Asiatische Flughaefen werden von den verschiedenste Charakteren bevoelkert. Stoerrische Zollbeamte, zu zuvorkommende Koffertraeger, aufdringliche Taxi-Fahrer und immer – aber auch immer – Schlepper fuer Hotels und Guesthouses. Yangoon ist da keine Ausnahme und so dauert es nicht lange bis mich der erste anspricht ob ich denn schon ein Hotel haette. Eigentlich will ich abwinken, aber sein Laden wird im Reisefuehrer als gut und er macht einen freundlichen Eindruck. Was soll’s? Nicht nur befinde ich mich irgendwo zwischen Schlafwandel und Wachkoma, sondern ich spare mir auch die Verhandlung mit den Taxi-Fahrern. Ich quetsche mich also zusammen mit einer amerikanischen Familie die alles ‘amazing’, ‘wonderfull’ und ‘fantastic’ findet in ein uralten Japanischen Kleinbus und fahre Richtung Yangoon, einer Stadt die sich wirklich als anders herrausstellen soll.
Ein Stunde spaeter beziehe ich mein Hotelzimmer und frage mich muessig ob mich das eher seltsame Fruehstueck mehr Richtung wachen oder schlafen gebracht hat. Die Frage eruebrigt sich als ich in einen leichten Schlaf falle, aus dem ich irgendwann am fruehen Nachmittag erwache.
Was nun? Erstmal Uhr stellen. Gegen Thailand hat Myanmar eine Zeitverschiebung von einer halben Stunde, ich stelle als die Uhr zurueck und frage mich wer sich eigentlich solche Zeitzonen ausdenkt. Als naechster Schritt steht Geld wechseln auf dem Program und damit die Entscheidung zwischen zwei Alternativen, einerseits der offizielle Wechselkurs und andererseits der Schwarzmarkt und damit ein leicht hoeherer Kurs.
Eine Stunde spaeter sitze ich zwei zwielichtig aussehenden Indern gegenueber, die sich jede erdenkliche Muehe geben meine Sorgen – die mir anscheinend ins Gesicht geschrieben stehen – zu zerstreuen. Wir befinden uns im zweiten Stock eines burmesischen Tea-Shops, um uns herrum die burmesische Jugend, teils knutschende Paerchen, teils laute Gruppen. Ich komme mir leicht deplaziert vor.
Einer der beiden verschwindet um Geld zu holen und kommt ein paar Minuten spaeter mit einem faustdicken Buendel Geldscheine unter dem Hemd zurueck. Der andere versucht mich mit Smalltalk zu entspannen. “I know Germany. Nice Country but very cold. I saw in a movie once.” Irgendwann kommt der andere zurueck, nun stehen ihm die Sorgen ins Gesicht geschrieben. “Sir, this is no legally business. You don’t know me.” Ich schaue ihn an, er beginnt zu schwitzen. Ich zaehle langsam die klebrigen Geldschein waehrend die beiden immer nervoeser werden. Auch die anwesende Jugend scheint sich eher unwohl zu fuehlen.
Nach dem kurzen Ausflug in den Schwarzmarkt von Myanmar bringe ich das dicke Buendel Geldscheine notduerftig in meiner Tasche unter und mache mich auf den Weg nach Hause. Wieder einmal erlebe ich eine der Momente, in denen einen wirklich bewusst wird weit weg von zu Hause zu sein. Bangkok, Chiang Mai oder sogar Phnom Penh sind zwar geographisch weiter weg, subjektiv aber naeher an Deutschland als Yangoon.
Es ist kein bedrohliches Gefuehl und obwohl ich anscheinend das einzige Bleichgesicht im Umkreis bin habe ich nicht das Gefuehl in irgend einer Gefahr zu schweben, aber ich bin mir deutlich bewusst in einer ganz anderen Ecke der Welt gelandet zu sein. Zunaechst sehen die Menschen schlicht anders aus als in Thailand, Laos oder auch Kambodscha. Zwischen eher hellhaeutigen Burmesenen begegnen mir viele sehr dunkle Menschen, die ich fuer Inder oder Bangladeshis halte. Auch die Gerueche und Geraeusche sind anders als ich es gewohnt bin und ich merke das ich oft angestarrt werde wie ein Wesen von einem anderen Stern.
Die Menschen sind allerdings extrem freundlich. Immer wieder ruft jemand “Hello, how are you?”, schuettelt mir die Hand und verschwindet wieder im Gewuehl von Yangoon. Ich goenne mir auf dem Rueckweg noch ein paar frische Samosas (kleine fritierte Teigtaschen) in einer Teestube, die aus ein paar Plastikstuehlen und Tischen auf dem Buergersteig besteht. Keiner spricht englisch, aber ich bestelle mit dem ultimativen, asiatischen System. Per Fingerzeig.
Das Internet im Guesthouse scheint nicht zu funktionieren und so laufe ich Abends 30 Minuten durch das stockfinstere Yangon auf der Suche nach einem Internet-Cafe um der besten Freundin von allen zu schreiben. Die Stadt ist lebendig, sehr lebendig. Auf den Buergersteigen – die fast alle in Truemmern liegen – werden indische und chinesische Snacks verkauft, die Locals spielen Gitarre und singen und Hunde balgen sich um irgendwelche mehr oder weniger schmackhaften Bissen. Irgendwann lande ich in einem Internet Cafe.
GMail ist natuerlich gesperrt und natuerlich erklaert mir ein Hilfsbereiter Burmese sofort wie ich trotzdem an meine Mails komme. Mal wieder ein Beweiss dafuer das Unterdrueckung heute nur noch halb so gut funktioniert, sobald die Leute einmal Zugang zum Internet haben.
Auf dem Rueckweg verlaufe ich mich in den stockfinsteren Strassen und verfluche mich fuer meine Vergesslichkeit. Ich habe in Bangkok extra eine Taschenlampe gekauft, die jetzt in meinem Hotel Zimmer liegt.
Schliesslich entscheide ich mich eine Trishaw (Fahrrad-Taxi) zu nehmen. Ich gebe die burmesische Business-Card an einen der rumhaengenden Fahrer, er liest sie, schaut mich an, schaut auf meinen Bauch, ueberlegt kurz: “Five hundret Kyat!” (ca. 30 Cents).

Trishaw in Yangon
Abends im Hotel lerne ich zwei weitere Deutsche (Vroni und Sven) kennen und wir beschliessen uns am naechsten Tag gemeinsam Yangoon anzuschauen.
Morgens erwache ich vom Regen der gegen mein Fenster trommelt. Ein kalte Dusche und einem Fruehstueck bestehend aus einem zuckersuessen Broetchen und zwei fettigen Spiegleiern spaeter sinieren wir gemeinsam darueber was mit dem Tag anzufangen ist. An der Rezeption erklaert ein Mitarbeiter einem Touristen “In my country, saturday always raining”.
Der Reisefuehrer empfiehlt eine Fahrt mit der Circle Line, einem Zug der einmal um Yangoon herum faehrt. Wenigstens ueberdacht. Wir begeben uns also zum Hauptbahnhof. Einem typisch asiatischen Angelegenheit. Anscheinend wird er von mehreren Kleinfamilien und diversen Soldaten bewohnt. Es herrscht grosser Verkehr, aber alle sind sehr freundlich. Ein paar Fragen spaeter und wir stehen am richtigen Bahnsteig, kaufen unsere Auslaender-Tickets (1$ pro Person), tragen Namen und Pass-Nummer in ein grosses Buch ein und werden noch zum Zug gebracht.
Die Zugfahrt ist eine beschauliche Angelegenheit. Es rumpelt, kracht und schaukelt und wir bewegen uns in einem gemuetlichen Tempo in Richtung der Yangooner Aussenbezirke und schliesslich der burmesischen Countryside. Es ist Regenzeit und so schaukeln wir langsam durch die gruene Landschaft, unterhalten uns ueber alles moegliche, schiessen ein paar Fotos und betrachten das gemaechliche Burmesische Leben. Alle scheinen sehr gelassen und freundlich und wenn man es nicht aus den Medien wuesste, kaeme man gar nicht darauf das hier Unterdrueckung herrscht.
Deutlich wird jedoch auch wie arm das Land eigentlich ist. Die Aussenbezirke bestehen fast nur aus Schlamm, kargen Huetten und grossen Abfallhaufen, durch die sich Hunde wuehlen. Selbst Laotische Bergdoerfer und die Vorstaedte von Phnom Penh wirken reich dagegen.
Einfahrt in einen Bahnhof

Bahnhofszene

Im Zug
Nach der Zugfahrt befragen wir den Reisefuehrer ueber das Essen. New Dehli soll schmackhafte Indische Currys haben. Die Bediehnung ist freundlich und anscheinend bekommt man auch Beilagen nachgelegt so viel man nur essen kann. Wir lassen es uns schmecken und bemerken nachher auch alle die gleiche Durchschlagende Wirkung. Danke Herr Lohse.
Abends fahren wir zu Mr. Guitar, angeblich dem Hoehepunkt des Nachtlebens in Yangoon. Nicht viel los, aber wir treffen auch noch ein paar andere aus unserem Guesthouse und genemigen uns diverse Beer Myanmar. Ich siniere mal wieder darueber das anscheinend auch die aermsten Laender der Welt es trotzdem schaffen trinkbares Bier zu produzieren.
Am naechsten Morgen wache ich etwas zerwuehlt auf und wir machen uns auf den Weg zum Sightseeing. Auf dem Program steht die Shwe Dagon Pagode.
Zunaechst denke ich sie sieht aus wie ein Ding aus einer anderen Welt. Mittlerweile bin ich der Ueberzeugung das sie tatsaechlich ein Ding aus einer anderen Welt ist. Mitten in Yangoon steht sie, eine riesige Kuppel ueberzogen mit Blattgold und umgeben von wahrscheinlich hunderten kleineren Schreinen, die meisten ebenfalls vergoldet. Eine der wenigen Gelegenheiten zu denen mir wirklich die Worte fehlen.

Betende Locals

Shwe Dagon

Schreine
Nach der Pagode gehen wir zum See von Yangon, unter anderem auch die Heimat des Yangon Yachting Clubs, wie uns ein Schild informiert. Irgendwelche Hobbys muss die Birmanische Oberschicht wohl auch noch neben dem Golf spielen haben. Mitten im See schwimmt etwas, das in jeder Deutschen Stadt wahrscheinlich den ultimativen Stilbruch und einen Fakelschwingenden Mob produzieren wuerde, hier wo Goldtempel neben Blech-Huetten stehen, aber fast schon harmonisch wirkt. Eine Mischung aus Drachenboot, Tempel und ich weiss nicht was noch. Wir schuetteln unsere Koepfe, koennen uns der seltsamen Faszination des Dinges aber nicht ganz entziehen…

Das Ding
Unser Tag geht langsam zu Ende und wir begeben uns ins Cafe Parisienne um bei Kaffee und Kuchen Plaene fuer die naechsten Tage zu schmieden. Entweder an’s Meer oder in Richtung Bagan und Mandalay. Nach Rueckfragen im Hotel entpuppt sich das Meer als zu teuer und so wird der naechste Berricht wohl aus Pyay kommen, wo es Ruinen und Pferdekutschen geben soll.
So far…
Tags: Myanmar,Unterwegs
Kategorien: Asien '07
4 Kommentare »













4 Antworten zu “Drei Tage in Yangon”
Hiho,
war gerade auf deiner Wishlist…. Emergency Sex sollte es kopiert in den buchlaeden geben … zumindest in cambodia war’s so… habe es mir (oder dir) aber leider nicht gekauft….jedoch aber zwei buecher von chomsky, und choke von Palahnuk …. letzteres ist sehr unterhaltsam …. das buch vom heulenden nietzsche habe ich schon hinter mich gebracht …. etwas melodramatisch am ende…aber nett…. gruesse von der vietnamesischen kueste….mischael
ps: ho …. ho …. ho chi min
well done^^
nur die kleinen fehler mach oben noch raus… *G*
ansonsten, mal wieder ein gelungener artikel. demnächst solltest du post von mir erhalten…
Danke fuer die Blumen.
Ich werde mal die Rechtschreibkorrektur drueber laufen lassen, sobald ich wieder in Europa bin. Hier in Bagan mit einem 28.8 Modem ueber das anscheinend das halbe Dorf ins Netz geht ist mir das zu stressig.
Dafuer gibt’s bald einen neuen Artikel.
Hallo Bübo,
hab schon seit längerer Zeit das “Emergency Sex”-Buch durch. Danke für den Tipp – aber leider ist der Kambodscha-Teil recht kurz. Dafür ist der Rest schön blutig und man lernt neue Wörter:
“gangrene” heißt übrigens Wundbrand
Grüße, bei lässt der Herbst sein graues band flattern durch die Lüfte …
Philip
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